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DACH_fl_Der Patient im Zentrum der IT_Uni Essen_medico_2019

von Cerner Corporation
veröffentlicht am 17.03.2020

Die Universitätsmedizin Essen baut sich zum Smart Hospital um – und stellt den Patienten in den Mittelpunkt

Die Patienten-Arzt-Beziehung befindet sich seit den 1970er-Jahren in einem stetigen Wandel. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Patienten – wie schon die Bezeichnung zeigt – als geduldig auf Heilung hoffende Menschen angesehen. Ihre Rolle im Rahmen der Behandlung beschränkte sich im Wesentlichen auf das Befolgen der Anweisungen des medizinischen Personals.

In den folgenden Jahrzehnten wandelte sich diese Sicht: Die Patienten forderten mehr Information und mehr Rechte ein, insbesondere mehr Mitbestimmung bei Diagnostik und Therapie. Dem passten sich Gesetzgeber und Leistungserbringer an: Die Patientenrechte wurden genauer festgelegt und erweitert, und es existiert wohl kaum ein Krankenhaus in Deutschland, in dessen Leitbild nicht betont wird, dass der Patient im Mittelpunkt steht.

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Der Patient steht im Mittelpunkt – aber nicht versorgungsgrenzenübergreifend

Aber entspricht der Anspruch auch der Wirklichkeit? Die Ärztin Dr. Anke Diehl meldet zumindest teilweise berechtigte Zweifel an. Als Digital Change Managerin an der Universitätsmedizin Essen beschäftigt sie sich intensiv mit der Rolle des Patienten im Krankenhaus: „Wunsch und Wille, den Patienten bei seiner Behandlung in den Mittelpunkt zu stellen, wie es in vielen Leitbildern betont wird, sind tatsächlich vorhanden. Das Dilemma ist, dass dieser Gedanke noch in den seltensten Fällen über die Versorgungsgrenzen hinweg umgesetzt wird, sondern sich auf Teilbereiche der Versorgung beschränkt.“

Das Kernproblem ist die strenge Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, bzw. dem niedergelassenen und dem klinischen Bereich, erklärt Dr. Diehl: „Diese Grenzen basieren nicht auf therapeutischen Notwendigkeiten – im Gegenteil: Sie stören eine durchgehende Behandlung eher. Vielmehr wurden sie festgelegt, um die Verwaltung zu vereinfachen. Daran hat sich bis heute – trotz aller Bemühungen – kaum etwas geändert. Die nach wie vor mangelnde Durchgängigkeit dieser Grenzen führt neben anderen Faktoren dazu, dass es zu den durchaus zu Recht beklagten Folgen wie Informationsverlusten, Mehrfachuntersuchungen, mangelnder Patienteninformation etc. kommt.“

An der Universitätsmedizin Essen, das durch den 2015 neu berufenen Ärztlichen Direktor Prof. Dr. Jochen Werner zum ersten Smart Hospital Deutschlands ausgebaut wird,  wollte man sich damit nicht länger abfinden und begann, sich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen: „Wir haben uns die Frage gestellt, wie wir es schaffen, dass der Patient über Versorgungsgrenzen hinweg aktiv an seiner individuellen Behandlung mitwirken kann und sowohl er als auch die beteiligten Leistungserbringer jederzeit adäquat informiert sind. Auf dieser Grundlage war die nächste Frage, wie man dann die Behandlung noch verbessern kann.“

Die Grundvoraussetzung: Eine einheitliche Datenplattform

Den Schlüssel dazu sieht Dr. Diehl im Sammeln und Auswerten von Daten. Was so banal klingt, ist in der Umsetzung voller Tücken. So liegen Gesundheitsdaten verteilt in verschiedenen IT-Systemen vor, die mit unterschiedlichen Standards arbeiten. „Die Idealvorstellung wäre ein komplett vernetztes Gesundheitswesen, in der jeder Berechtigte unter Berücksichtigung der Vorgaben des Datenschutzes Zugriff auf sämtliche gesundheitsrelevante Daten seines Patienten hat“, erläutert Dr. Diehl. „Allerdings sind wir in Deutschland davon noch ein gutes Stück entfernt. Deswegen haben wir zunächst damit begonnen, innerhalb der Universitätsmedizin Essen eine einheitliche Plattform zu entwickeln, die aktuell ausgerollt wird: Die Smart Hospital Information Platform, kurz SHIP. Hier werden Daten möglichst strukturiert gesammelt und so nicht nur eine Wissensbasis für die Behandlung einzelner Patienten geschaffen, sondern auch eine Datengrundlage für künftige Forschungsarbeiten.“

Ein wichtiger Bestandteil der smarten IT-Infrastruktur an der Universitätsmedizin sind Patientenportale, die ebenfalls gerade entwickelt werden. „Hier kann man wirklich den alten Designergrundsatz ‚form follows function‘ bemühen“, so Dr. Diehl. „Wir nutzen und gestalten IT so, dass wir damit den Notwendigkeiten der medizinischen Behandlung folgen und so die Versorgungsgrenzen überspringen, die ja ein reines Verwaltungskonstrukt sind und damit auch ihre Berechtigung haben.“ Dieses Vorgehen bringt Vorteile für alle Beteiligten, vor allem aber für den Patienten, erläutert Dr. Diehl: „Das Patientenportal, das wir gerade entwickeln, ermöglicht uns die enge und wichtiger noch bidirektionale Kommunikation mit dem Patienten vor, während und nach seinem Aufenthalt bei uns. Dadurch steht der Patient auch über die Krankenhausgrenzen hinaus im Mittelpunkt seiner Behandlung und ist in der Lage, aktiv mitzuwirken. Damit erreichen wir, wonach im Grunde jeder Leistungserbringer im Gesundheitswesen strebt, was aber mit den bisher üblichen Strukturen und Prozessen nicht umsetzbar ist.“

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Den Patienten nicht nur behandeln, sondern ihn befähigen mitzuwirken

Neben der Partizipation an seiner Behandlung ist auch Patient Empowerment ein wichtiges Ziel, das mit dem Portal erreicht werden kann: Dem Patienten können jederzeit für ihn relevante Informationen aktiv zugespielt werden. So ist er aktuell korrekt informiert. „Die Knackpunkte dabei sind ‚aktiv‘, ‚individuell‘ und ‚korrekt‘“, erläutert Dr. Diehl. „In vielen Fällen muss der Patient Informationen über seine Erkrankung selber suchen und sammeln. Das führt dazu, dass er teilweise auch auf eher dubiose Quellen stößt, was ihn verwirrt und die Arbeit des medizinischen Personals erschwert. Außerdem liegt es in der Natur der Sache, dass viele der Informationen, die der Patient findet, für ihn nicht relevant sind oder nicht wirklich passen. Nehmen wir an, ein Patient sucht nach Informationen über postoperative Schmerzen. Da macht es einen großen Unterschied, ob er eine normale Leber- und Nierenfunktion hat, oder nicht. Wenn der Patient das von vorneherein weiß, kann er gezielt suchen. Aber was, wenn es erst im Krankenhaus während seines Aufenthalts festgestellt wird? Dann beginnt eine Phase der Unsicherheit. In unserem Portal bekäme der Patient in einem solchen Fall medizinisch korrekte Informationen direkt in seine Handy-App geliefert und könnte sich unmittelbar damit beschäftigen. Entsprechend wäre er dann zum Beispiel bei der Visite schon umfangreicher informiert, kann dem Arzt ggf. gezieltere Fragen stellen und versteht auch besser, was mit ihm los ist.“

Ein solches Vorgehen setzt neben strukturierten Daten in einer einheitlichen Infrastruktur auch eine tiefe Einbindung des Patientenportals in die klinischen Systeme des Krankenhauses voraus. Dr. Diehl erklärt den Ansatz näher: „Bisher besteht die IT-Infrastruktur eines Krankenhauses in der Regel aus verschiedenen Systemkomponenten, die über Schnittstellen Informationen austauschen und verarbeiten. Da es aber kaum einheitliche Standards gibt und diese auch nicht immer konsequent angewandt werden, kommt es zwangsläufig zu Einschränkungen. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Austausch von PDF-Dokumenten. Idealerweise werden strukturierte Daten ausgetauscht, weil diese einzeln verarbeitet werden können. Wenn das nicht möglich ist – zum Beispiel, weil ein Subsystem mit einem speziellen Datenformat arbeitet – greift man gerne zu dem Trick, die Daten in diesem Subsystem in ein PDF-Dokument umzuwandeln und dieses dann in der Datenbank abzulegen. Menschen können dieses Dokument zwar lesen, aber die Daten darin können nicht maschinell verarbeitet werden. Daher ist gerade bei der Integration der Daten des Patientenportals eine tiefe Einbindung und die Nutzung von strukturierten Daten wichtig: Das Krankenhausinformationssystem bildet Standardabläufe ab und ermöglicht die grundlegende Dokumentation. Partnerunternehmen müssen bestimmte Standards erfüllen. Diese ermöglichen es, die Anwendungen so einzubinden, dass nicht mehr ein Gemenge an verschiedenen Systemkomponenten entsteht, die nur vereinzelt Daten austauschen können, sondern eine einheitliche IT-Infrastruktur, die mit einheitlich strukturierten Daten arbeitet und so komplett durchgängig ist.“

Das Patientenportal als Brücke zum Patienten – über die Krankenhausgrenzen hinaus

Bestandteil dieser Infrastruktur, die mit SHIP bereits im Aufbau ist, wird auch das Patientenportal sein. Damit ist ein Austausch mit dem KIS medico® möglich. „Damit können wir eben nicht nur patientenindividuelle Informationen triggern, wenn beim Patienten zum Beispiel eine Nierenfunktionsstörung diagnostiziert wird. Sondern alle Informationen, die der Patient uns gibt, sind auch in anderen Bereichen der Infrastruktur abrufbar“, fasst Dr. Diehl zusammen. Dadurch sind nicht nur Ärzte und medizinisches Personal besser informiert, sondern zum Beispiel auch der Sozialdienst oder die Krankenhausverwaltung. „Wenn man nicht gerade selber Patient ist, übersieht man oft, mit welcher Flut an Fragen ein Patient – oft unter Zeitdruck – in einer für ihn ohnehin schon stressbeladenen Situation überrollt wird“, erinnert die Digital Change Managerin. „Das fängt bei der ärztlichen und pflegerischen Anamnese an. Aber auch der Sozialdienst benötigt frühzeitig Informationen - zum Beispiel über die häuslichen Lebensumstände des Patienten - um tätig werden zu können. Die Küche möchte wissen, welche Verpflegung der Patient wünscht oder bekommen darf, ob er vielleicht Vegetarier ist oder bestimmte Nahrungsmittel nicht zu sich nehmen darf oder will. Umgekehrt ist das vielleicht auch eine wichtige Information für den Arzt. Und die Verwaltung hat vielleicht noch Fragen zur Abrechnung oder möchte hinterher wissen, wie der Patient den Aufenthalt erlebt hat und wo noch Verbesserungspotenzial liegt. Umgekehrt muss der Patient auch wissen, wann er zu einer Untersuchung oder Therapie muss, wer seine Ansprechpartner sind und vor allem, wie er sich im Campus orientieren kann. Um all das zu leisten, müssen unterschiedliche Bereiche der IT-Infrastruktur durchgängig verknüpft werden. Und es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, all diese Informationen und Datenströme zu handhaben.“

Ein intelligentes IT-System, um den Patienten herum konzipiert

Damit spricht Dr. Diehl den Kernpunkt des Projekts Smart Hospital Essen an: Während historisch gesehen die Healthcare-IT ursprünglich verwaltungstechnischen Zwecken diente und sich momentan zunehmend auch als unterstützendes Element in der medizinischen Versorgung etabliert, denkt man in Essen schon deutlich weiter, wie Dr. Diehl zusammenfasst: „Mit unseren Entwicklungspartnern wollen wir eine IT-Infrastruktur schaffen, die sozusagen um den Patienten herumgebaut wird und Verwaltungsaspekte oder medizinische Funktionen als notwendige Teilbereiche ansieht. Auf diese Weise ist es möglich, eine wirklich patientenindividuelle Behandlung zu gewährleisten. Dabei geht es nicht nur darum, dem Patienten ein standardisiertes Merkblatt zu seiner Erkrankung auszuhändigen, sondern ihm genau die Informationen zukommen zu lassen, die für ihn relevant sind. Zudem ermöglicht es uns eine partizipative Forschung mit Integration von Patientenbefragungen aufzubauen.“

Ein solches Vorgehen erfordert intelligente Systeme. In Essen wurde kürzlich ein Institut für künstliche Intelligenz (KI) gegründet, welches mit vier neuen Lehrstühlen ausgestattet ist und Ende 2019 die Arbeit aufnimmt. Ziel ist es, den Einsatz von KI im Gesundheitswesen voranzutreiben. „In der Medizin ist häufig die Radiologie, durch die historisch frühe Digitalisierung, beim Einsatz KI führend“, erklärt Dr. Diehl. „Dort nutzt man derartige Lösungen, um krankhafte Veränderungen besser zu erkennen. Studien zeigen, dass spezifische KI Anwendungen einem erfahrenen Facharzt mindestens ebenbürtig, teilweise sogar schon leicht überlegen sind. Wir wollen diese Entwicklung vorantreiben und durch Nutzung umfassender Gesundheitsdaten weiter ausdehnen.“ Die möglichen Anwendungen sind weit gefächert. Vor allem aber in der medizinischen Forschung bieten sich ungeahnte Möglichkeiten, wie Dr. Diehl darlegt: „Forschung ist im Grunde genommen Mustererkennung. Das Kernproblem ist allerdings, die Muster auch zu erkennen. Denken Sie zum Beispiel an Alexander Fleming und die Entdeckung des Penicillins: Üblicherweise wurden Brutschalen, die von Pilzen befallen waren, seinerzeit weggeworfen. Fleming erkannte als erster das Muster, dass um bestimmte Pilze herum kein Bakterienwachstum stattfand. Hier handelte es sich noch um eine relativ klare Struktur. Im Regelfall steht man aber einer Flut von Daten und wesentlich komplexeren Interaktionen gegenüber. Hier kann KI helfen, entsprechende Beziehungen zu erkennen und aus vielen Daten herauszufiltern – vorausgesetzt, diese Datenbasis ist groß genug und die Informationen liegen in strukturierte Form vor. Deswegen bauen wir SHIP kontinuierlich aus.“

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Auch bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen heute schon an morgen denken

Ist also die Patientenversorgung auf dem Weg in eine goldene Zukunft? Dr. Diehl ist optimistisch, sieht aber durchaus noch Hindernisse, die aus dem Weg geräumt werden müssen: „Technisch gesehen sind wir auf einem guten Weg. Deutschland – und hier speziell das Gesundheitswesen – hat zwar einen erheblichen Nachholbedarf im Bereich digitaler Technologien, aber Projekte wie Smart Hospital Essen zeigen, dass das Bewusstsein dafür wächst. Auch die Patienten sehen Umfragen zufolge durchaus das Potenzial von IT im Gesundheitswesen. Wenn es möglich ist, Reisen online einfach und in allen Details zu buchen, wenn Bankgeschäfte digital erledigt werden können: Warum dann nicht auch ein Krankenhausaufenthalt oder eine Therapie? Die eigentlichen Hemmnisse liegen vor allem in veralteten Strukturen und Gesetzen. Hier gibt es dringenden Nachholbedarf. Verwaltungstechnische Strukturen dürfen nicht mehr die Patientenversorgung hemmen. Datenschutzgesetze müssen endlich so gestaltet werden, dass es auch möglich ist, Forschung zum Wohle von Patienten zu betreiben. Um nicht falsch verstanden zu werden: Datenschutz ist wichtig. Aber die Gesetzeslage muss sowohl praktikabel als auch eindeutig sein. Die DSGVO ist zwar schon ein Schritt in die richtige Richtung, aber in vielen Bereichen noch nicht eindeutig genug. Ein anderer Bereich, in dem man über Rahmenbedingungen nachdenken muss, ist KI. Noch sind die gesundheitsbezogenen Anwendungen in der Gesundheit recht einfach. Aber bedenkt man, dass die Entwicklung auch im Bereich der Hardware enorm schnell fortschreitet, werden wir in absehbarer Zeit nicht nur mit relativ einfachen KIs zu tun haben, die Algorithmen abarbeiten, sondern durchaus auch mit komplexen Lösungen, die wesentlich kompliziertere Aufgaben bewältigen können. Spätestens dann brauchen wir klare, pragmatische Regelungen, welche Daten unter welchen Umständen genutzt werden dürfen und wie mit möglichen Ergebnissen umzugehen ist. Es geht nicht um Überregulation, sondern schlicht auch um Ethik.“

Tradition, Tradition – alte Denkmuster aufbrechen

Unter dem Strich steht das Projekt Smart Hospital Essen vor allem für den Menschen und unter der Prämisse, tradierte Denkmuster aufzubrechen und Gesundheitswesen neu zu denken. „Der technische Aspekt ist eine Seite“, so Dr. Diehl. „Fast noch wichtiger ist aber der Wandel im Denken. Nicht mehr das tradierte: Mein Bereich, mein Institut, meine Verwaltung, meine Wissenschaft, sondern ein vernetztes, offenes Denken über Grenzen hinaus. In vielen Bereichen ist diese Entwicklung schon in vollem Gange. In der Medizin fangen wir damit gerade an. IT hilft uns dabei, Grenzen zu überwinden und endlich dahin zu kommen, wo die Medizin eigentlich hinmöchte: Den Patienten nicht nur zu behandeln, sondern ihn in den Mittelpunkt zu stellen sowie interaktiv individuelle Lösungen für ihn zu finden, damit er gesund wird und vor allem gesund bleibt.“

Fotos: © Universitätsmedizin Essen