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von Dr. Thomas Berger
veröffentlicht am 08.05.2018

Das deutsche Gesundheitswesen verspielt mehr als nur den Anschluss an die Digitalisierung

Das Gesundheitswesen in Deutschland befindet sich am Scheideweg: Während die technische Entwicklung von Healthcare-IT in den letzten Jahren kontinuierlich fortgeschritten ist und intelligente Systeme keine Zukunftsvisionen mehr, sondern Realität sind, verfügen viele Krankenhäuser nach wie vor nur über lückenhafte Infrastrukturen.  Während im benachbarten Ausland die Digitalisierung des Gesundheitswesens mit großen Schritten vorangetrieben wird, verliert Deutschland langsam den Anschluss. Dabei hat eine zielgerichtete Digitalisierung wesentliche Auswirkungen auf Effizienz und Qualität der Patientenversorgung sowie die Wettbewerbsfähigkeit von Gesundheitsdienstleistern. Erste Krankenhäuser in Deutschland haben das erkannt und beginnen Projekte zum Ausbau ihrer IT-Infrastruktur umzusetzen. Doch das ist nicht genug: Wenn Deutschland weiterhin über eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme der Welt verfügen möchte, muss der digitale Wandel jetzt mit aller Kraft vorangetrieben werden.

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Wenn man sich mit Healthcare-IT beschäftigt, hat man – so geht es zumindest mir – manchmal das Gefühl, sich in Parallelwelten zu bewegen. Da gibt es das eine Universum, in dem IT-Anwendungen dabei unterstützen, Sepsispatienten im Frühstadium zu identifizieren, Arzneimittelverordnungen auf unerwünschte Wirkungen zu prüfen, Patienteninformationen schnell und sicher unter Therapeuten auszutauschen und Abläufe effizienter zu gestalten. Und es gibt die andere Welt, in der der 76.Bayerische Ärztetag grundsätzlich der Entwicklung einer elektronischen Patientenakte zustimmt, eine gesetzliche Befugnis für die Kassenärztlichen Vereinigungen einfordert, damit diese einheitliche Standards gewährleisten können und den Gesetzgeber auffordert, den IT- Anbietern eine einheitliche Benutzeroberfläche in der elektronischen Patientenakte vorzuschreiben.

Gleichzeitig erschien im November 2017 irgendwo in dieser Welt geradezu verschämt die Meldung, dass nun – nach Jahren der Entwicklung – der erste zertifizierte Konnektor zur Verfügung steht, mit dem über eine ebenfalls zertifizierte VPN-Verbindung endlich auf die deutsche Telematikinfrastruktur zugegriffen werden kann, um Versichertenstammdaten abzugleichen.

Währenddessen wühlen sich Ärzte und Pflegepersonal in deutschen Kliniken, im Bemühen eine bestmögliche Diagnostik und Therapie zu gewährleisten, weiter durch Unmengen an Papierakten und drucken brav Arztbriefe und Befunde aus, um sie Patienten mitzugeben, per Post zu verschicken oder irgendwo abzuheften.

Im benachbarten Ausland werden die Chancen der Digitalisierung bereits genutzt

Um zu erkennen, dass irgendetwas bei der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen nicht stimmt, muss man keine multidimensionalen Reisen unternehmen. Es reicht der Blick ins benachbarte Ausland, um zu erkennen, welche Chancen IT im Gesundheitswesen bietet. Oder anders gesagt: welche Chancen wir in Deutschland gerade verpassen. In einem Zeitalter, in dem das Wissen exponentiell wächst, nahezu jeder kleine Einzelhändler einen eigenen Webshop hat, mit Finanzämtern und Banken digital kommuniziert wird und man Highspeed-Verbindungen in fast jedem Winkel der Welt nutzen kann, arbeitet das deutsche Gesundheitswesen zu einem Großteil noch mit Papier – hat man im alten Ägypten auch so gemacht, kann so schlecht nicht sein.

Zugegeben: Es gibt im Bereich Healthcare-IT durchaus Entwicklungen, denen man kritisch gegenüberstehen kann und sollte. Der Wildwuchs an Gesundheits-Apps für Patienten ist dafür ein gutes Beispiel – und auch der oben erwähnte Bayerische Ärztetag hat erkannt, dass eine Zertifizierung in diesem Bereich sinnvoll und notwendig ist. Abgesehen von solchen, nicht ausreichend regulierten Entwicklungen existieren allerdings auch ausgereifte Lösungen, die sich an den Bedürfnissen der modernen Medizin orientieren, sicher sind und mit wenig Aufwand viel Nutzen generieren können. In vielen Ländern hat man das bereits erkannt und investiert intensiv in den digitalen Ausbau des Gesundheitswesens. Was ermutigend ist: Auch viele Krankenhäuser in Deutschland beginnen mittlerweile damit, nicht mehr auf ein Ende der Diskussionen in Politik und Interessenverbänden zu warten, sondern ihre IT-Infrastruktur auszubauen. Allein die Probleme mangelnder Investitionsmittel und auch einer fehlenden klaren Vorgabe von übergreifenden Standards hemmen diese erfreuliche Entwicklung nach wie vor.

Nicht nur die Wirtschaftlichkeit, auch die Qualität der medizinischen Versorgung hängt an der Digitalisierung Dabei wäre gerade jetzt der Zeitpunkt, das Diskutieren einzustellen und endlich zu handeln. Viele Krankenhäuser haben es schon erkannt: Ohne intensiven Einsatz von IT sind sie in naher Zukunft nicht mehr in der Lage, wirtschaftlich zu agieren, geschweige denn mit dem medizinischen Fortschritt und den Ansprüchen der Patienten an ein modernes Gesundheitswesen Schritt zu halten. Sie haben realisiert, dass eine zunehmend personalisierte Medizin, die Anwendung modernsten medizinischen Wissens und vor allem ein immer höheres Maß an Patientensicherheit ohne IT-Lösungen nicht mehr möglich sind.

Das beginnt bei scheinbar banalen Dingen wie der Zugänglichkeit von Informationen. Während es im Alltag völlig normal ist, Bankgeschäfte unterwegs zu erledigen (auch hier handelt es sich um sensible Daten, die für Kriminelle deutlich attraktiver sind als Informationen zu Frau Mustermanns Gallensteinen), muss das medizinische Personal in vielen deutschen Krankenhäusern bei Fragen zum Patienten erst nach einem Computerarbeitsplatz suchen. Oder nach der Papierakte des Patienten oder nach beidem. Vitalwerte werden wie seit über 100 Jahren manuell erfasst, die Werte auf Zetteln „zwischengespeichert“ und dann im Idealfall in das IT-System der Klinik übertragen. Individuelle Pflegepläne werden zeitaufwendig von Hand auf Papier erstellt, anstatt elektronisch unterstützte, leitlinienbasierte Standardpläne zu nutzen, die entsprechend den Bedürfnissen des Patienten mit wenigen Mausklicks modifiziert werden können, und dabei helfen, auch die Planung, Durchführung und Evaluation der Pflege vorzunehmen und zu dokumentieren. Gleichzeitig wird fieberhaft diskutiert, wie man das Pflegepersonal – so man hier überhaupt ausreichend Kapazitäten hat – denn entlasten könne.

Leidtragende der fehlenden Digitalisierung im Gesundheitswesen sind nicht nur die Patienten, sondern auch das Personal. Für Krankenhäuser wird die unzureichende Digitalisierung zunehmend zum Problem. Nicht, weil ein mobiler Zugriff auf die (voll digitale) Patientenakte, mobile Vitalwerterfassung oder ein elektronisch unterstütztes Pflegeprozessmanagement (die Liste lässt sich beliebig erweitern) Luxus für das Personal wäre. Sondern schlicht, weil das ohnehin fehlende und überlastete Personal durch die mangelnde IT-Unterstützung zusätzlich ineffizient arbeitet. Das kostet Krankenhäuser nicht nur Geld, sondern auch Reputation – sowohl beim Personal, das nicht mehr gewillt ist schlechte Arbeitsbedingungen einfach hinzunehmen, als auch bei den Patienten, die zunehmend anspruchsvoller und informierter werden.

Die Schere zwischen „Ist“ und „Kann“ klafft in Deutschland immer weiter auseinander

Dabei geht es hier noch rein um krankenhausinterne Abläufe. Spätestens der Blick über die Versorgungsgrenzen hinaus zeigt die ganze Tragweite der verschleppten Digitalisierung. In einer Welt, in der die Medizin sich seit Jahrzehnten immer mehr spezialisiert und bei komplexen Erkrankungen eine Vielzahl medizinischer Fachkräfte zusammenarbeiten muss, erfolgt die Kommunikation immer noch mit Mitteln, die im 19. Jahrhundert gebräuchlich waren: Briefpost und Telefon. Das so oft von Politik und Verbänden geforderte enge Zusammenspiel von Krankenhaus und Fachärzten lässt sich in Deutschland – insbesondere unter dem Aspekt der zunehmenden Komplexität und Menge von Untersuchungsergebnissen – so nicht adäquat umsetzen. Der Blick über die südliche Grenze führt dann wieder in das andere Universum: Trotz Widerständen und Kritik hat sich in Österreich die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) etabliert und ermöglicht einen flächendeckenden Austausch von Gesundheitsinformationen zwischen den an der Behandlung beteiligten Personen und Institutionen. Um das zu ermöglichen, baute man hier keine aufwendige eigene Infrastruktur auf, sondern konzentrierte sich vor allem darauf, einheitliche IT-Standards im Gesundheitswesen festzulegen, um einen Austausch zwischen den verschiedenen Anwendungen und Systemen unterschiedlicher Hersteller zu ermöglichen.

Es ist eine ausgesprochene Ironie, dass IT-Hersteller aus Deutschland maßgeblich an der Entwicklung dieser Standards beteiligt waren, die nun weltweit erfolgreich genutzt werden – außer dort, wo sie ursprünglich zum großen Teil entstanden sind. Lange haben die Akteure im Gesundheitswesen abgewartet, wie sich die Situation im IT-Bereich entwickelt. Es wurde – und wird – diskutiert, während die IT-Hersteller nicht nur ausgereifte und bewährte IT-Lösungen bereithalten, sondern sie auch kontinuierlich weiterentwickeln und so den Abstand zwischen dem „Ist“ in vielen Krankenhäusern und dem „Kann“ immer weiter vergrößern. Schon längst geht es nicht mehr „nur“ um die Dokumentation und die digitale Unterstützung von Prozessen im Krankenhaus oder um eine immer enger werdende Vernetzung mit den administrativen und logistischen Prozessen im Hintergrund der medizinischen Versorgung. KIS-Systeme sind gerade im Wandel zu smarten, persönlichen Assistenten des medizinischen Personals. Mehr noch: In einer Entwicklung, die in vielen Ländern bereits Fahrt aufnimmt, werden die Daten aus Krankenhausinformationssystemen dazu genutzt, von einer rein kurativen Behandlung auch im Krankenhaus zunehmend präventiv zu agieren: sei es durch eine Früherkennung beginnender Symptome wie z. B. bei einer sich entwickelnden Sepsis oder durch die statistische Vorhersage von Verläufen durch die Bildung individueller Risikoprofile auf Basis der gesammelten Daten (und damit der Erfahrungen) bisheriger Behandlungsverläufe.

Immer mehr Krankenhäuser geben ihre abwartende Haltung auf

Mittlerweile geht es für Krankenhäuser nicht mehr nur darum, aus klinischen Leistungen mithilfe der IT abrechnungsrelevante Datensätze zu generieren. Vielmehr ist es so, dass eine moderne, patientenzentrierte, präventive und individuelle Therapie bei gleichzeitig bestmöglicher Patientensicherheit ohne flächendeckende IT-Unterstützung in sehr absehbarer Zeit schlicht nicht mehr machbar sein wird. Deutsche Krankenhäuser verlieren durch die schleppende Digitalisierung nicht nur den Anschluss an moderne Technologie. Viel schlimmer ist, dass sie den Anschluss an die moderne Medizin verlieren.

Kein Wunder also, dass eine zunehmende Anzahl an Krankenhäusern ihre abwartende Haltung zum Thema Digitalisierung aufgibt und so gut wie möglich in moderne IT-Systeme investiert. Denn die Abbildung komplexer, eng miteinander verzahnter Prozesse über die reine klinische Versorgung hinaus erfordert eine sorgfältige Planung und einen kontinuierlichen Ausbau der IT. Gefragt sind Lösungen, die als eine Art monolithische Best-of-Breed-Systeme Standardfunktionen weitgehend abdecken und gleichzeitig durch eine offene Architektur und Anwendung von Standards einen transparenten Austausch mit spezialisierter Anwendungssoftware zulassen. Dies bedeutet, dass Aufbau und Ausbau der IT-Infrastruktur über alle Bereiche eines Krankenhauses hinweg geplant und koordiniert werden müssen – unabhängig davon, ob es um Lösungen für Logistik, Abrechnung, Verwaltung oder den klinischen Bereich geht. Dazu gehört auch, die einzelnen Prozesse so anzupassen, dass sie einerseits bestmöglich durch die IT unterstützt werden können, andererseits aber auch reibungslos ineinanderlaufen.

Wer nicht agiert, verliert

Die Einsicht, dass die IT in einem Krankenhaus immer komplexer und vor allem breiter angelegt wird, führt auch zu Veränderungen in den Organisationsstrukturen oder bei den Berufsbildern. In vielen größeren Krankenhäusern sind beispielsweise Medizintechnik und IT mittlerweile zu einer einzigen Abteilung zusammengefasst, weil die Medizintechnik zunehmend durch die IT vernetzt wird. Eine andere, noch recht neue Entwicklung ist der „Chief Digital Officer“, kurz CDO. Diese neue Position trägt der Tatsache Rechnung, dass IT zunehmend strategische Bedeutung für Unternehmen hat. Entsprechend ist der CDO in der obersten Führungsebene angesiedelt und hat als Verantwortlicher für die digitale Transformation eine weitreichende Entscheidungsbefugnis.

Auch wenn diese Entwicklung erst am Anfang ist, zeigt sie doch, wie sehr und vor allem wie schnell sich die digitale Welt im Gesundheitswesen verändert hat und noch verändern wird. Wenn Deutschland weiterhin für sich in Anspruch nehmen möchte, eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme der Welt zu besitzen, sollten sich die Verantwortlichen auf allen Ebenen bewusstmachen, dass sich die Digitalisierung mit einer enormen Dynamik entwickelt und auf niemanden wartet. Wer diese Entwicklung immer noch nicht wahrhaben möchte, wird den Anschluss endgültig verlieren.

Denn wenn wir über die digitale Zukunft im Gesundheitswesen sprechen, müssen wir uns bewusst darüber sein: Die Zukunft ist jetzt!

Mit i.s.h.med auf HIMSS 6

von Norbert Neumann
15.02.2018
Neulich unterhielt ich mich mit Frau Perndl. Sie ist Diplom-Ingenieurin und hat mit ihrem Team das KIS des Ordensklinikum Elisabethinen in Linz aufgebaut, das Anfang des Jahres mit HIMSS EMRAM Stufe 6 ausgezeichnet wurde. Ihre Geschichte ist ein schönes Beispiel für die Evolution der Krankenhaus-IT und welchen Nutzen man durch eine zielgerichtete kontinuierliche Entwicklung daraus generieren kann.

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Wenn Ärzte in die Zukunft sehen

von Norbert Neumann
13.02.2018
Die Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft m.b.H. (KAGes) verfügt über einen fast einmaligen Datenschatz: Durch eine frühzeitige, konsequente Digitalisierung und das große Versorgungsgebiet verfügt die Gesellschaft über die nahezu vollständigen, bis in das Jahr 2000 zurückreichenden Krankengeschichten der Patienten aus dem Versorgungsbereich, der fast 90 % der Steiermark umfasst.

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Digitalisierung am Klinikum Region Hannover GmbH – Teil 2

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15.01.2018
In unserer Serie "Auf dem Weg zum digitalen Krankenhaus" beschreiben wir diesmal den Weg der Kliniken Region Hannover (KRH) ins digitale Zeitalter.

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Digitalisierung am Klinikum Region Hannover GmbH – Teil 1

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09.01.2018
Digitalisierung kann manchmal ein Abenteuer sein. In unserer Serie „Auf dem Weg zum digitalen Krankenhaus“ beschreiben wir diesmal den Weg der Kliniken Region Hannover (KRH) ins digitale Zeitalter. Im ersten Teil lesen Sie, wie trotz finanziellen Defizits und eines herben Rückschlags kurz vor Eröffnung eines Neubaus am KRH die Weichen in Richtung Digitalisierung gestellt wurden.

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