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von Norbert Neumann
veröffentlicht am 06.11.2017

Warum IT-Unterstützung bei der Medikation am Klinikum der Universität München (LMU) so wichtig ist – und so komplex umzusetzen

Ein IT-unterstützter Medikationsprozess erhöht die Patientensicherheit. Im Vorfeld eines Projekts zur Einführung einer solchen Lösung sollte man allerdings Wert auf eine detaillierte Planung legen. Denn ein Medikationsprozess ist wesentlich komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Am Klinikum der Universität München (LMU) sind deswegen Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen an der Planung und der Umsetzung eines derartigen Projekts und der späteren Betreuung der Lösung beteiligt.

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Andreas Söhnen ist ein erfahrener IT-Mitarbeiter. Der Projektleiter hat im Laufe seines Berufslebens schon einige Herausforderungen gemeistert. Sein aktuelles Projekt ist allerdings auch für ihn etwas Besonderes. „Ich war von der Komplexität wirklich überrascht“, erklärt der IT-Spezialist. „Natürlich hat man immer jemanden aus dem Anwenderbereich mit im Team, um Details besser zu verstehen und praxisgerecht umzusetzen. Aber in diesem Fall wäre ich ohne Frau Pauli aufgeschmissen.“

Andreas Söhnen
IT-Projektleiter am Klinikum der Universität München (LMU)

Alles andere als trivial: Arzneimittelverordnung
Christiane Pauli ist Krankenhausapothekerin an der LMU, wo auch Andreas Söhnen arbeitet. Sie kann nachvollziehen, wie es ihrem Kollegen geht. „Die Arzneimitteltherapie gehört sicher zu dem Komplexesten, was ein Krankenhaus zu bieten hat. Nehmen wir an, ein Arzt möchte ein Statin1, z. B. Simvastatin, neu verordnen oder eine Antibiose bei bestehender Therapie mit diesem Medikament ansetzen. Er muss hierbei nicht nur die Nierenfunktion überprüfen, sondern auch mögliche Wechselwirkungen – nicht nur mit Antibiotika – berücksichtigen. Denn dabei kann es zu schweren Komplikationen kommen, beispielsweise zu einer Rhabdomyolyse2, wenn das Medikament zusammen mit dem Antibiotikum Clarithromycin verabreicht wird. In diesem Fall muss dem Patienten ein anderes Statin bzw. ein anderes Antibiotikum verordnet werden.
Es stellt sich also nicht nur die Frage, welche Präparate im Krankenhaus vorrätig sind und in welcher Form und Dosierung. Gerade auch Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln, die ein Patient nimmt, müssen berücksichtigt werden – egal wie selten sie sind.“ Diese komplexen Fragen betreffen allerdings nicht nur den Arzt auf der Station, sondern im Grunde genommen jeden, der an der Behandlung eines Patienten beteiligt ist. Die Arzneimitteltherapie ist multiprofessionell. Ob Schmerzambulanz, physikalische Therapie, Onkologie oder Anästhesie: Nicht nur auf der Station kommt ein Patient mit Arzneimitteln in Berührung.
Und oft sind schon an der Verordnung selbst mehrere Spezialisten beteiligt. Missverständnisse können sich hier fatal auf den Patienten auswirken. „Aus der Sicht der IT sind es teilweise Banalitäten, die zu berücksichtigen sind: zum Beispiel die Zeilenlänge oder der Zeilenumbruch bei Medikamentennamen“, erläutert Andreas Söhnen.
Christiane Pauli ergänzt: „Viele Medikamentennamen ähneln einander. Gerade bei multimorbiden Patienten ist es daher extrem wichtig, dass die Namen der Wirkstoffe oder Präparate eindeutig und übersichtlich, aber auch möglichst ohne die Notwendigkeit zu scrollen dargestellt werden.“

Christiane Pauli
Krankenhausapothekerin am Klinikum der Universität München (LMU)

Verschiedene Systeme unterschiedlicher Hersteller müssen miteinander verknüpft werden

Was einfach klingt, birgt in der Praxis allerdings seine Tücken: „Weil die Medikation ein so spezieller Bereich ist, arbeitet man mit Systemen unterschiedlicher Hersteller. Im Klinischen Arbeitsplatzsystem (KAS) finden sich Funktionen zur Dokumentation, dann gibt es ein System für die Prüfung auf unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen (AMTS-System), das von hochspezialisierten Firmen entwickelt und regelmäßig aktualisiert wird. Außerdem müssen wir noch Arzneimittelkataloge einbinden, von allgemein gebräuchlichen Arzneimitteln und den im Haus vorrätigen Medikamenten. Und diese Kataloge müssen dann noch aufeinander abgestimmt werden, damit der Arzt die Medikation des Patienten auf die Präparate umstellen kann, die bei uns vorrätig sind“, fasst Christiane Pauli zusammen. Und Projektleiter Andreas Söhnen ergänzt: „Und dabei sind die Inhalte im Fluss, weil die Medikamente sich immer wieder ändern. Außerdem müssen Patienteninformationen wie Laborwerte, Allergien, Größe und Gewicht des Patienten integriert werden. Das ist vor allem dann schwierig, wenn Teile der Dokumentation noch papierbasiert sind. Deswegen ist es so wichtig, die elektronische Unterstützung der Medikation ganzheitlich und im großen Rahmen zu sehen.“

Das Projekt umfangreich planen, Prozesse analysieren und verbessern

Was bedeutet das für die beiden Projektleiter und ihr Projekt? Auf jeden Fall sollte ein derartiges Projekt großräumig angelegt werden und sich nicht auf einzelne Bereiche, wie z. B. die Stationen, beschränken. Viele Verordnungen werden bereits im OP vorgenommen. Und da geht es nicht nur um Schmerzmedikationen. Außerdem sollte man die Gelegenheit nutzen, die Medikationsprozesse zu verstehen und zu verbessern. Dazu muss man immer wieder mit vielen verschiedenen Personen aus allen möglichen Bereichen reden. Erst dadurch beginnt man Feinheiten zu verstehen, wie zum Beispiel den Unterschied zwischen einer konkreten Verordnung und einem Therapievorschlag. Das muss man dann entsprechend in IT umsetzen. Außerdem kann man so auch Fachleute, wie zum Beispiel Apotheker, in den Medikationsprozess mit einbauen, um die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern. So werden die Arzneimittelanamnesen in den chirurgischen Fächern schon teilweise durch pharmazeutisches Personal aufgenommen. Dieses Verfahren wird weiter ausgerollt.

Zusammenarbeit mit pharmazeutischem Fachpersonal auch über die Projektdauer hinaus

Fachliche Zusammenarbeit ist nicht nur im Rahmen des Projekts wichtig, sondern auch darüber hinaus: „Die Arzneimittelkataloge müssen regelmäßig gepflegt werden“, erläutert Christiane Pauli. „Das kann die IT- Abteilung nicht alleine leisten, weil dazu viel Fachwissen notwendig ist, also die Apotheke mit eingebunden werden muss.“

Die Grundlage für das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten im Rahmen der Medikationsunterstützung durch IT leistet aber die Abteilung Medizintechnik und IT (MIT): Sie ist gefordert, die einzelnen Systeme und Datenbanken so miteinander zu verknüpfen, dass die notwendigen Daten zugänglich sind und sich keine Fehler einschleichen.

„Auf der einen Seite haben wir das Klinische Arbeitsplatzsystem, das darauf ausgelegt ist, den Medikationsprozess möglichst generisch zu unterstützen und z. B. mit AMTS-Systemen zu kommunizieren. Auf der anderen Seite haben wir die sehr speziellen Abläufe und Organisationsstrukturen rund um die Medikation, die in jedem Krankenhaus anders sind. Um diese Faktoren sauber aneinander anzupassen, benötigt man nicht nur die Zusammenarbeit mit Fachleuten wie Frau Pauli, sondern auch mit Spezialisten des KAS-Herstellers und des AMTS-Systems“, erklärt Andreas Söhnen.

Andreas Söhnen und Christiane Pauli haben sich zusammen tief in die Materie eingearbeitet und sind zuversichtlich, die Pilotphase des Projekts bald abschließen zu können. Auch wenn sie sich nicht unter Druck setzen lassen: „Man muss so ein Projekt langsam angehen. Sorgfalt geht hier absolut vor und muss in den Zeitplänen entsprechend berücksichtigt werden.

Ein Verknüpfungsfehler zwischen zwei Datenbanken kann gerade in diesem Bereich massive Folgen haben. Wenn die Medikation dann aber wirklich durchgehend elektronisch unterstützt wird, dann ist das ein echtes Plus an Sicherheit für die Patienten und das medizinische Personal.“


1) Eine Wirkstoffgruppe, die den Cholesteringehalt des Blutes senkt.
2) Eine potenziell tödliche Nebenwirkung, bei der sich Muskelfasern im Zwerchfell, der Skelett- und der Herzmuskulatur auflösen.

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