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von Norbert Neumann
veröffentlicht am 28.08.2018

Nicht nur der Straßenverkehr profitiert von einheitlichen Regeln

Im Jahr 1888 erhielt Carl Benz die Genehmigung, mit seinem Motorwagen Versuchsfahrten durchzuführen. Aber erst 1909 wurden eine allgemeine Führerscheinpflicht und mit der Reichsstraßenverkehrsordnung – zumindest in Deutschland – erste einheitliche Verkehrsregeln eingeführt. Trotz aller Bemühungen, auch international einheitliche Regelungen zu finden, ist dies immer noch nicht in Gänze gelungen.

Nicht nur auf der gleichen Straße fahren

Ähnlich wie im Straßenverkehr sieht es auch in der Healthcare-IT aus, erklärt Soenke Wendt, Lead Solution Strategist bei Cerner: „Wir erleben in der Healthcare-IT sozusagen eine rasante Zunahme der Verkehrsdichte. Immer größere Mengen an Daten sollen sinnvoll erhoben, gespeichert, verteilt und verarbeitet werden. Und das in immer kürzerer Zeit. Die Herausforderung ist es, die Daten zugänglich zu machen und eine reibungslose Kommunikation zu ermöglichen. Und ähnlich wie in der Verkehrsplanung reicht es dafür eben nicht aus, nur Straßen zu bauen, sondern man muss vorausschauende Konzepte entwickeln, damit der Verkehr auch weiterhin reibungslos fließt und man überall schnell hinkommt. Dazu gehört auch, unnötigen Verkehr zu vermeiden und jedem die Möglichkeit zu geben, ohne großen Aufwand am Datenverkehr teilzunehmen. Dazu reicht es nicht, nur auf der gleichen Straße zu fahren, sondern man muss auch die gleichen Regeln anwenden.“ Zwar existieren schon einzelne Standards in der Healthcare-IT, jedoch fehlt ein umfassendes Gesamtkonzept, das den Datenaustausch verbessert und auch für zukünftige Entwicklungen offen ist.

Um das zu erreichen, setzen Soenke Wendt und seine Kollegen auf eine breite Anwendung von FHIR: „Fast Healthcare Interoperability Resources, kurz: FHIR, ist eine Weiterentwicklung des HL7-Standards, der schon eine relativ weite Verbreitung in der Gesundheits-IT hat, aber modernen Anforderungen nicht mehr genügt.“, erklärt der Fachmann. Die zentrale Idee hinter FHIR ist, Daten in verschiedenen Anwendungen leichter zugänglich zu machen und durch einen leicht zu erlernenden, transparenten Übertragungsstandard den Datenfluss zwischen Lösungen herstellerübergreifend zu verbessern bzw. überhaupt erst zu ermöglichen. „Viele Anwendungen nutzen Schnittstellen, die zwar auf HL7 basieren, aber darüber hinaus eigene Vorgaben definieren. Das liegt daran, dass die bisherigen HL7-Vorgaben noch darauf ausgerichtet sind, Daten nur innerhalb von Einrichtungen zu übertragen, wo notwendige Definitionen – z.B. über Datenstrukturen – einfach festgelegt werden können. Abgesehen davon, dass das trotz allem noch sehr aufwendig in der Implementierung ist, werden Gesundheitsdaten zunehmend einrichtungsübergreifend genutzt. Genau für diese Anforderungen – den übergreifenden Austausch von verschiedensten Gesundheitsdaten und die Anwendung in mobilen Architekturen – wurde FHIR entwickelt.“

Die Zukunft der Healthcare-IT: Apps einfach installieren und nutzen

Damit der Standard sich flächendeckend durchsetzen kann, müssen Anwendungen, die bereits auf dem Markt sind, daran angepasst werden. Die Arbeiten dazu sind bei Cerner schon in vollem Gange. Zum Beispiel im Krankenhausinformationssystem (KIS) medico®, für das mit Unterstützung von Cerner eine App entwickelt wurde, die bei der Diagnose bzw. Therapie von Anämien unterstützen kann. Für Soenke Wendt der Anfang einer völlig neuen Entwicklung im Healthcare-IT-Bereich: „Wir haben diese Anwendung als Prototypen genutzt, um herauszufinden, wie man derartige Apps so in ein KIS integrieren kann, dass nicht nur Daten ausgetauscht werden, sondern der Anwender überhaupt nicht mehr merkt, dass er sich gerade nicht mehr im Kernsystem befindet. Der Unterschied zum bisherigen Verfahren besteht darin, dass eben keine aufwendige, individuelle Schnittstellenkonfiguration notwendig sein soll, sondern durch die Verwendung von FHIR sozusagen eine Art Plug-and-Play ermöglicht wird, bei dem die App nur noch installiert werden muss und die Schnittstellenkonfiguration wegfällt.“

Allerdings geht es nicht nur um externe Anwendungen: „Wir nutzen FHIR in medico aktuell schon, um eigene Anwendungen an das Kernsystem anzubinden. Unsere mobile Lösung medico Touch™ ist ein Paradebeispiel für ein FHIR-Anwendungsszenario. Denn hier geht es eben genau darum, eine mobile Technologie mit dem medico-Desktop zu verbinden und Daten schnell abzugleichen und auszutauschen. Aber auch klassische Anwendungen, wie zum Beispiel unser Infektionspräventions- und Surveillance-System IPSS (früher MetaHMS), profitieren von der Umstellung auf FHIR. Gerade bei dieser Lösung, die mit verschiedensten Datenbanksystemen wie Laborinformationssystemen, externen Laboranwendungen und dem KIS Daten austauschen muss, waren früher immer wieder aufwendige Schnittstellenkonfigurationen notwendig, weil jeder Hersteller andere Spezifikationen hatte.“

Diese Entwicklungen sind aber erst der Anfang. „Die Verwendung von FHIR in unseren Lösungen ist der erste Schritt zu einem Ecosystem.“, erläutert Soenke Wendt. „Ein einheitlicher Kommunikationsstandard öffnet zudem die Möglichkeit, zukünftig auch herstellerübergreifend Apps zu verbinden. Unsere Idee ist es, Anwendungen zu prüfen und zu zertifizieren, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich kompatibel sind. Diese können dann in einen App Store eingestellt und von Kunden einfach heruntergeladen und installiert werden. Das ist für unsere Kunden nicht nur günstiger, sondern eröffnet auch Möglichkeiten für ein wesentlich breiteres Anwendungsspektrum, als es heute möglich ist. Technikaffines, medizinisches Personal könnte zum Beispiel Anwendungen entwickeln, die dann einfach und günstig in das KIS eingebunden werden können.“

Es sind also nicht nur Verkehrsteilnehmer, sondern auch Anwender von Healthcare-IT-Lösungen, die von einheitlichen Regeln und modernen Konzepten profitieren.