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Mit IT mehr Patientensicherheit erreichen - Hospital Lingen

von Cerner Corporation
veröffentlicht am 10.10.2019

Das Bonifatius Hospital in Lingen führte als eines der ersten medico-Häuser die digitale Medikation ein

„Rückblickend war das wohl eines der komplexesten Projekte, an dem ich je beteiligt war“, erinnert sich Guido Tien, Mitarbeiter der Stabsstelle Pflege mit Schwerpunkt EDV am Bonifatius Hospital in Lingen. „Nicht nur aufgrund der Materie, sondern vor allem, weil viele unterschiedliche Berufsgruppen im Krankenhaus davon betroffen sind.“ Zusammen mit Raphael Kotte, Fachapotheker für klinische Pharmazie, war er verantwortlich für die Einführung der digitalen Medikation am Bonifatius Hospital.

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Das 451-Betten-Haus gehört mit drei weiteren Kliniken und verschiedenen Altenpflege- und Altenhilfeeinrichtungen zur St. Bonifatius Hospitalgesellschaft. Das Leitbild der Organisation – „den Menschen verbunden“ – ist tief in der Unternehmenskultur verwurzelt. Das Wohlergehen der Patienten hat oberste Priorität. Das hatte auch Auswirkungen auf die Umsetzung der digitalen Medikation. Geschäftsführung, Pflegedirektion und der Leiter Apotheke haben mit der Arbeitsgruppe Risikomanagement das Projekt initiiert und während der Projektphase fortlaufend mit den Chefärzten und der EDV unterstützt und befürwortet, mit dem Ziel, die Patientensicherheit zu erhöhen und Prozesse zu optimieren.

Ein Ziel: Mehr Patientensicherheit

„Als wir das Projekt in Angriff genommen haben, ging es uns vorwiegend darum, die Patientensicherheit zu erhöhen“, erläutert Raphael Kotte. „Die Medikationssicherheit spielt in unserem Haus eine große Rolle. Nicht nur, um Fehler zu vermeiden, die bei der Verordnung, Vorbereitung oder Verabreichung von Arzneimitteln passieren können. Sondern auch, um unerwünschten Neben- oder Wechselwirkungen vorzubeugen. Um die Qualität und Sicherheit der Arzneimitteltherapie zu verbessern – auch das ist mittlerweile allgemein anerkannt – ist es sinnvoll, den Medikationsprozess digital zu unterstützen: Nicht nur durch eine elektronische Dokumentation, sondern durch transparentere Prozesse und Assistenzsysteme.“ Nach einer ausführlichen Analyse unter Einbeziehung der unterschiedlichen beteiligten Fachgruppen und verschiedenen Versuchen startete das Team in der Kardiologie ein Pilotprojekt. Guido Tien erklärt: „Der Plan war, zunächst die bestehende Medikation der Patienten bei der Aufnahme zu dokumentieren und mit Hilfe von ID DIACOS PHARMA® auf eine Hausmedikation umzustellen. Es zeichneten sich allerdings schnell zwei Dinge ab: Erstens, dass die Dokumentation der Medikation zeitaufwendiger war, als wir erwartet hatten. Zwar ist es möglich, den bundeseinheitlichen Medikationsplan einzuscannen, aber nur etwa ein Viertel der Patienten haben diesen auch dabei. Bei rund 75% muss die Medikation manuell erfasst werden, was vergleichsweise lange dauert.“

Der zweite Punkt war, dass viele Patienten am Wochenende über die zentrale Notaufnahme stationär auf der Kardiologie aufgenommen wurden und damit die Medikation auf der Station digital nacherfasst werden musste. Um dieses Problem zu lösen und die Ärzte bei Eingabe der Eingangsmedikation zu unterstützen, kamen die am Medikationsprozess beteiligten Personen auf die Idee, die digitale Medikation schon im Pilotprojekt auf die zentrale Notaufnahme auszuweiten und für die Projektphase pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA) und medizinische Fachangestellte (MFA) einzustellen, die in der zentralen Notaufnahme die Bestandsmedikation der Patienten dokumentieren. Die behandelnden Ärzte stellen dann mit Hilfe von ID DIACOS® PHARMA die Eingangsmedikation auf die im Haus verwendeten Arzneimittel um. Auf der Station fällt diese Aufgabe auch dem ärztlichen Personal zu, das letztlich die Medikation abschließend prüft, ggf. korrigiert und freigibt.

Mehrfache Prüfung auf Basis aktuellster Daten

„Der angenehme Nebeneffekt ist, dass wir damit ein Mehr-Augen-Prinzip umgesetzt haben und der Prozess an sich trotzdem einfacher geworden ist“, freut sich Guido Tien. „Die Medikation wird durch PTAs bzw. MFAs geprüft, dann nochmal vom Arzt und elektiv auch jederzeit durch den ID PHARMA CHECK®, einem Prüfprogramm, das unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen aufzeigt.“ Dieses Assistenzsystem läuft zusätzlich parallel bei Anordnungen von Medikamenten und warnt automatisch vor möglichen Komplikationen oder Fehlern.

Um die Datenbasis für die digitale Medikation aktuell zu halten, wird aus dem Materialwirtschaftssystem der Krankenhausapotheke täglich ein Auszug an ID DIACOS PHARMA gesandt. Bei dem Cerner-Partner und Hersteller der Medikationssoftware ID Berlin werden die Daten mit aktuellen Informationen über diese Medikamente verknüpft und in die Datenbanken des Krankenhauses implementiert. „ID DIACOS PHARMA kann bei der Umstellung der bisherigen Arzneimittel des Patienten auf unsere Hausmedikation also immer auf die aktuell vorrätigen Medikamente zurückgreifen.“ Dem Krankenhausapotheker Raphael Kotte erleichtert das seine Arbeit deutlich: „Gerade bei Kombinationsmedikamenten in der Eingangsmedikation kann es z.B. vorkommen, dass stattdessen Einzelpräparate in der Klinikmedikation gegeben werden. Dadurch, dass die Datenbanken das berücksichtigen und auch stets aktuell sind, werden der Arzt und auch die Pflege bereits bei der Umstellung über das zu verwendende Medikament informiert.“

„Die Stationen sind nach wie vor in die Versorgungskette eingebunden“, erklärt der Apotheker: „Dort findet sich ganz klassisch ein Handvorrat der gängigsten Medikamente, der regelmäßig durch Lieferungen aus der Zentralapotheke ergänzt wird.“ Unit-Dose-Automaten sind derzeit noch kein Thema am Bonifatius Hospital. Wenn auf allen Stationen die Medikationssoftware implementiert ist, wäre eine Anbindung über das Programm ID PHARMA APO an einen Unit-Dose-Automaten möglich und als eine weitere Steigerung der Patientensicherheit anzusehen.

Auch komplexe Medikationen meistern – mit Ordersets und Karteikästen

Auch die Implementierung der digitalen Medikation birgt weitere Herausforderungen in sich. Guido Tien berichtet von den Tücken des Medikationsprojekts: „Planung ist bei jedem IT-Projekt wichtig, aber bei der Umstellung auf einen digitalen Medikationsprozess elementar. Das fängt an bei der ausreichenden Ausstattung mit Rechnern bzw. Laptops auf den Stationen und endet bei einer ausreichenden Serverkapazität für die Medikamentendatenbanken. Hinzu kommt, dass jede Menge unterschiedlicher Berufsgruppen betroffen sind, die ihre spezifischen Anforderungen haben und die man von Anfang an mit im Boot haben sollte.“ Eine weitere Herausforderung für Guido Tien und Raphael Kotte stellten die vielfältigen Möglichkeiten an Medikamentenkombinationen und Verabreichungswegen dar. „Die Software von ID Berlin unterstützt die Verordnung sowohl von Einzelmedikationen als auch Ordersets von Medikamenten“, erklärt Raphael Kotte. „Damit lassen sich Routinefälle, wie z.B. Standard-Schmerzmedikationen abbilden und leichter verordnen. Bei der Anordnung von Infusionstherapien wird es allerdings richtig kompliziert, weil hier die einzelnen Komponenten dosiert und die Laufrate bestimmt werden müssen. Hinzu kommen noch unterschiedliche Verabreichungswege.“

Deswegen stellt der Pharmazeut zusammen mit dem ärztlichen Personal Standard-Infusionen und -Infusionsschemata zusammen, die in sogenannten Karteikästen in ID DIACOS PHARMA abgelegt und verordnet werden können. „Gerade bei Routinefällen erleichtern Standard-Infusionen die Arbeit der Ärzte sehr“, erläutert Raphael Kotte. „In den Karteikästen sind alle Informationen hinterlegt: Zusammensetzung, Infusionsgeschwindigkeit, Dosis, usw. Der Arzt muss damit nicht mehr jedes Mal alles selber zusammenstellen, sondern sucht sich einfach die entsprechende Kombination aus.“

Doch bei allen Standards ist es auch wichtig, auf individuelle Faktoren des Patienten einzugehen: „Im Rahmen des Verordnungsprozesses mit ID DIACOS PHARMA werden auch Faktoren wie z.B. Alter, Gewicht und Nierenfunktion des Patienten mit einbezogen. Auf Grundlage dieser Daten werden die Medikation und insbesondere die Dosierung im ID PHARMA CHECK® auf Wechselwirkungen, Allergien etc. geprüft. An dieser Stelle haben wir also nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch eine höhere Therapiequalität,“ freut sich der Krankenhausapotheker. „Viele Patienten profitieren von einem Interaktionscheck unter Berücksichtigung der patientenindividuellen Faktoren bei der Arzneimitteltherapie. Denn häufig hat es das medizinische Personal mit multimorbiden Patienten mit eingeschränkten Organfunktionen, komplexen Medikationen und Infusionsprogrammen zu tun. Die digitale Medikation erleichtert es den Behandlern, eine individuell angepasste Medikation zu finden, und hilft, Fehler zu vermeiden.“

Der Lohn der Mühe: Einfachere Prozesse, mehr Patientensicherheit, weniger Arbeitsaufwand

Seit Dezember 2017 läuft die digitale Medikation auf allen sieben internistischen Stationen des Bonifatius Hospitals. Die Implementierung auf der chirurgischen Abteilung soll im Januar 2019 abgeschlossen sein.

„Nachdem die Arzneimitteltherapie in der Inneren Medizin ein zentrales Element ist, wollten wir dieses Teilprojekt erst einmal komplett abgeschlossen haben“, erklärt Guido Tien. „Dazu gehört auch die Schulung des Personals. Wir bieten anfänglich fortlaufend pro Tag vier Trainings von je zwei Stunden Dauer an. Das ist zwar vergleichsweise aufwendig, aber auf diese Weise ist es für die Anwender einfacher, einen passenden Termin zu finden. Außerdem kann so das Training beliebig oft wiederholt werden. Wenn sich jemand unsicher fühlt, nimmt er einfach noch einmal teil. Für uns ist der Aufwand im Vergleich zu einer ausführlicheren Schulung nicht größer. Aber die Erfahrung zeigt, dass die praktische Anwendung der beste Lehrmeister ist. Deswegen haben wir uns für eine kurze Basisschulung und eine engmaschige Betreuung auf den Stationen entschieden.“

„Am Anfang gab es durchaus Widerstände“, erinnert er sich. „Angesichts der Komplexität der Materie ist das auch nicht weiter verwunderlich. Aber jetzt, nach etwa einem Dreivierteljahr, ist das Feedback durchgehend positiv. Die Mitarbeiter haben sich an die neuen Abläufe und Funktionen gewöhnt und sehen die Vorteile. Wir haben das Ziel einer höheren Patientensicherheit definitiv erreicht." Neben den Patienten können sich auch Ärzte und Pflegepersonal freuen. Denn unter dem Strich erleichtert ihnen die digitale Medikation die Arbeit deutlich, wie der gelernte Gesundheits- und Krankenpfleger zusammenfasst: „Ein Argument, das bei Widerständen gegen ein digitales System immer wieder gern genutzt wird, ist der etwas höhere Aufwand bei der initialen Dateneingabe. Die Erfahrung zeigt aber, dass dieser durch eine deutliche Arbeitsersparnis bei Folgeprozessen mehr als ausgeglichen wird. Zum Beispiel kann die aktuelle Medikation mit einem Mausklick in den Arztbrief übernommen werden. Bei einer Wiederaufnahme kann man die entsprechenden Daten aus dem Voraufenthalt in die aktuelle Akte einfach übernehmen. Die Dokumentation ist klar lesbar und transparent und zu guter Letzt können Rezepte und Medikationspläne mit ein paar Mausklicks erstellt und ausgedruckt werden. Man muss das von Anfang an vermitteln und durch gute Betreuung dafür sorgen, dass die Anwender so vertraut mit der Lösung werden, dass sie sie routinemäßig einsetzen können. Dann merken sie recht schnell, dass ihnen die Arbeit unter dem Strich erleichtert wird.“

Insgesamt haben also alle - vom Patienten bis zum Arzt - von der Einführung der digitalen Medikation profitiert. Trotzdem geht Guido Tien und seinem Kollegen die Arbeit so bald nicht aus: „Wir wollen zusammen mit Cerner und ID Berlin die Medikationssoftware noch weiter optimieren. Dazu pflegen wir einen engen Austausch auf Anwendertreffen und bringen unsere Erfahrungen als eines der ersten medico®-Häuser, das die digitale Medikation eingeführt hat, ein.“ So tragen die Fachleute des Bonifatius Hospitals Lingen einmal mehr dazu bei, dass die Patientensicherheit durch zunehmend ausgefeilte IT-Lösungen kontinuierlich verbessert wird. So ist das Krankenhaus auch hier „den Menschen verbunden“.

Foto: © Hospital Lingen