Skip to main content
Skip to main navigation
Skip to footer

von Dr. Thomas Berger
veröffentlicht am 20.04.2017

Als ich Anfang März mein neues Büro in Berlin bezog, hing dort ein Bild. Schnell habe ich herausgefunden, dass es wohl mit Abstand das hässlichste Bild am gesamten Standort ist. Ich habe ihm den Titel „Fauler Zahn in braun“ gegeben. Diese Assoziation wird man leider nicht mehr los... Dabei wäre es so einfach, diesen „faulen Zahn“ zu ziehen.

Dem Gesundheitswesen in Deutschland geht es im Grunde ähnlich: In vielen Krankenhäusern wird noch mit Papierakten gearbeitet. So weh es tut: Die Gesundheitsbranche in Deutschland hinkt in puncto Digitalisierung anderen Industrien und Märkten deutlich hinterher. Da sind Nachbarn wie Österreich und die Niederlande deutlich weiter. Das muss sich dringend ändern: Wenn die Potentiale einer verbesserten, datengestützten Versorgungssteuerung genutzt werden sollen, müssen IT-Infrastruktur und Vernetzung endlich auf den Stand der Technik gebracht werden. Denn Fakt ist: Je länger wir warten, desto schwieriger wird es, den Digitalisierungsrückstand wieder aufzuholen. Wir wollen Krankenhausbetreiber motivieren, die Digitalisierung der eigenen Organisation anzupacken. Investitionen in die IT dürfen nicht hinausgezögert werden, denn: Der Aufbruch in die Zukunft beginnt jetzt!

Das wird nicht auf einen Schlag gehen. Vielmehr sehen wir bei Cerner die Digitalisierung als eine Reise mit verschiedenen Etappen. Dabei wählt jedes Krankenhaus seine eigene Reiseroute, um die verschiedenen Etappenziele zu erreichen. Das beginnt mit der schrittweisen Digitalisierung von Behandlungs- und Dokumentationsprozessen, um in der nächsten Etappe die digitalen Daten zur klinischen Prozessunterstützung zu nutzen: Informationen werden analysiert und mittels Algorithmen ausgewertet. Vital- und Laborwerte, Allergien oder Begleiterkrankungen werden auf Basis medizinischer Standards prädiktiv interpretiert. So kann mit Hilfe von IT-Systemen proaktiv gehandelt werden, indem z. B. Medikationsfehler aufgedeckt oder vor einer drohenden Sepsis gewarnt wird.

Die IT entwickelt sich zu einem smarten Berater, der aggregiertes Wissen zur Verfügung stellt, um klinische Entscheidungen bestmöglich zu unterstützen. All das ist heute schon möglich. Auf dieser Basis kann man dann in die Zukunft starten, die in einigen Ländern wie den USA bereits heute begonnen hat: Stichwort Population Health Management. Darunter verstehen wir bei Cerner eine ganzheitliche Versorgungssteuerung, in der Patientengruppen nach ihren individuellen Risiken stratifiziert werden und so eine über den stationären Behandlungsprozess hinausgehende IT-gestützte Vor- und Nachsorge möglich ist. Es liegen überzeugende Ergebnisse vor, die sowohl Outcome-Verbesserungen als auch erhebliche Einsparungen belegen. Die Anbindung von Wearables, sinnvollen Apps und HomeCare-Geräten liefert nicht nur eine breitere Datenbasis, sondern ermöglicht Patienten wie Therapeuten ein proaktives, individuelles Gesundheitsmanagement.

Mir ist klar, dass Vieles davon in Deutschland nach Zukunftsmusik klingt und dass unvermeidlich auch kritische Stimmen – z.B. in Hinblick auf den Datenschutz – zu hören sein werden. Aber wenn wir auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige, bezahlbare Gesundheitsversorgung und -vorsorge für die breite Bevölkerung haben wollen, werden wir nicht umhinkommen, unsere Komfortzonen zu verlassen und neue Wege zu gehen.

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum der „Faule Zahn in braun“ immer noch in meinem Büro hängt: Weil mich dieses Bild jeden Tag daran erinnert, dass es nur eine Frage des Wollens ist, Veränderungen zu initiieren.