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von Cerner Corporation
veröffentlicht am 15.04.2020

Wie das Universitätsklinikum Essen die Hygiene smarter gestalten will

„Eigentlich ist Hygiene Präventivmedizin. Faktisch laufen wir – wie viele Krankenhäuser in Deutschland – im Moment leider noch zu oft hinterher.“ Dr. Birgit Ross, leitende Ärztin der Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Essen, ist indes nicht frustriert, sondern in Aufbruchstimmung: „Allerdings sind wir gerade dabei, die Abläufe im Hygienemanagement mit Hilfe digitaler Lösungen zu verbessern. Davon versprechen wir uns eine deutliche Erleichterung unserer Arbeit und einen individuelleren Schutz für den Patienten.“

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Eine Lücke zwischen allgemeiner und patientenindividueller Prävention

Denn auch wenn seit 2001 das Infektionsschutzgesetz vorschreibt, dass nosokomialen Infektionen vorzubeugen ist, reicht das Dr. Ross nicht aus: „Das Infektionsschutzgesetz schreibt im Wesentlichen allgemeine präventive Maßnahmen auf Basis der Empfehlungen der KRINKO (Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert Koch – Institut) zum Infektionsschutz vor, wie bauliche Maßnahmen, Hygienepläne, Prozesse, spezielle Maßnahmen für Risikogruppen etc. Auf individueller Patientenebene geht es vor allem um Surveillance, also Erfassung und Bewertung. Allgemeine und individuelle Prävention müssen zusammengebracht werden, um die Standards weiter zu verbessern“.  Dazu sollen im Rahmen des Projekts ‚Smart Hospital‘, das das Universitätsklinikum Essen mit dem Healthcare-IT-Unternehmen Cerner durchführt, zukünftig Patientendaten verknüpft und elektronisch ausgewertet werden. Der Name der dazu eingesetzten Software ist Programm: ‚Infektionspräventions- und -Surveillancesystem‘, kurz: IPSS. „Die Betonung liegt dabei eindeutig auf der Prävention. Und zwar auf patientenindividueller Ebene“, erklärt Dr. Ross. „Bisher ist es so, dass wir viele Informationen aus unterschiedlichen Subsystemen unserer IT-Infrastruktur extrahieren und manuell miteinander abgleichen müssen. Das ist sowohl personell als auch zeitlich sehr aufwendig. Zukünftig sollen diese Arbeiten über IPSS weitgehend ohne personellen Aufwand ablaufen. Das setzt eine möglichst durchgehende Digitalisierung im Krankenhaus voraus und eine gute Anbindung an die existierenden Subsysteme, wie Labor, Patientenakte und so weiter. Aus all diesen Bereichen zieht IPSS sich Informationen, verknüpft sie und gibt anhand von Algorithmen und Filtern Warnmeldungen aus, wenn etwas Relevantes erkannt wird. Im Grunde genommen tut die Lösung nichts anderes, als unser Hygienepersonal schon aktuell tut. Nur eben schneller und umfangreicher, als das von Hand möglich ist.“

Kürzere Reaktionszeit und näher am Patienten

Damit sparen die Mitarbeiter der Krankenhaushygiene nicht nur Zeit, sondern können auch frühzeitiger, schneller und patientenindividueller reagieren. Dr. Ross nennt ein Beispiel: „Es fängt damit an, den Ausbruch einer nosokomialen Infektion überhaupt erst einmal festzustellen. Die Frage ist ja: Hat der Patient sich im Krankenhaus infiziert, oder hat er die Infektion vielleicht schon vorher gehabt? Was ist die Ursache? Welcher Erreger liegt zugrunde? Welche möglichen Übertragungswege kommen in Betracht? Dann muss nachverfolgt werden, wo der Patient sich aufgehalten hat, wer vom Personal Kontakt zu ihm hatte und welche möglichen Übertragungswege auf andere Patienten sich ergeben. Und final muss auch noch die gesetzlich vorgeschriebene Surveillance durchgeführt werden, die sehr aufwendig zu erstellen ist. Man braucht nicht viel Fantasie und Fachwissen, um zu erkennen, dass es einen großen Unterschied macht, ob man die individuelle Infektion am Anfang schon frühzeitig erkennt, oder erst, wenn der Patient seinen Erreger bereits weit gestreut hat. Der entscheidende Faktor ist also Zeit. Bisher arbeiten wir mit verschiedenen Tools und Checklisten. Mit IPSS haben wir eine Lösung, die die notwendigen Informationen aus verschiedenen Quellen sammelt und uns bei der Auswertung und Dokumentation unterstützt. Damit werden wir nosokomiale Infektionen früh erkennen und auch schnell agieren können.“

Mit smarter Technologie Risikopatienten einfacher erkennen

Ein weiterer Punkt, der durch den Einsatz des smarten Systems verbessert werden soll, ist das Erkennen von Patienten, die besonders anfällig für nosokomiale Infektionen sind. Zwar gibt der Gesetzgeber bestimmte Risikogruppen vor, das reicht Dr. Ross aber nicht aus: „Der Idealfall ist, für jeden Patienten ein individuelles Risikoprofil zu erstellen. Dazu müssen Informationen über anamnestische und aktuelle Erkrankungen, Laborwerte, Therapie etc. miteinander verknüpft werden, was bei über 50.000 stationären Patienten pro Jahr von Hand nicht zu leisten ist. Das dürfte auch der Grund sein, warum der Gesetzgeber sich auf bestimmte Risikogruppen, wie z.B. bestimmte onkologische Patienten, beschränkt. Mit IPSS wollen wir allerdings weitere Risikopatienten identifizieren, indem wir ihre Daten analysieren und diejenigen herausfiltern, bei denen eine entsprechende Anfälligkeit besteht. Hier können dann individuelle Prophylaxemaßnahmen durchgeführt werden, um den Patienten besser zu schützen. Damit sind wir dann da, wo wir mit unseren Hygienemaßnahmen eigentlich hinwollen: Nah am einzelnen Patienten und individuell auf ihn abgestimmt.“

Die Implementierung von IPSS im Rahmen des ‚Smart-Hospital‘-Projekts am Universitätsklinikum Essen ist für Februar 2020 geplant. Im Vorfeld ist noch einiges an Arbeit zu leisten, wie Dr. Ross erläutert: „Wir müssen die Algorithmen und Filter, nach denen wir auch schon aktuell arbeiten, in die Lösung programmieren. Und natürlich müssen wir dafür sorgen, dass Zugriff auf proprietäre Daten aus anderen Bereichen unserer IT-Infrastruktur besteht. Anders gesagt: Die Grundlage für das moderne, IT-unterstützte Hygienemanagement, wie wir es uns vorstellen, ist eine durchgängige IT-Infrastruktur, in der Informationen so erfasst werden, dass sie reibungslos ausgetauscht und verarbeitet werden können. Unser Partner Cerner beschreibt das sehr treffend als ‚Ecosystem‘. Gerade die Krankenhaushygiene als übergreifende Disziplin ist darauf angewiesen, unterschiedliche Daten aus unterschiedlichen Bereichen zu bekommen. Wenn die digitale Infrastruktur vorhanden ist, können smarte Lösungen wie IPSS die individuelle Patientenversorgung bzw. den individuellen Patientenschutz entscheidend nach vorne bringen.“

So profitieren letztlich die Patienten von der gezielten Digitalisierung im Universitätsklinikum Essen und davon, dass Dr. Ross und ihre Kollegen zukünftig Bakterien und Viren auch mit Bit und Bytes zu Leibe rücken werden.    

Fotos: © Universitätsklinikum Essen