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von Paul Lampi
veröffentlicht am 15.11.2018

Ein Interview mit Paul Lampi, Memorial Hermann in Texas, USA

Gesundheitsdaten, wie beispielsweise Laborkontrollen, medizinische Bilder, klinische Studien usw., machen 30 Prozent der weltweiten Datenerstellung aus. Wollen wir informationsreiche Einrichtungen schaffen, ist die Qualität und Langfristigkeit von Daten, bedingt durch die zunehmende Fokussierung unserer Branche auf Analysen, als äußerst bedeutend zu betrachten. Gesundheitseinrichtungen benötigen in diesem informationsreichen Umfeld eine solide Governance-Strategie für den Umgang mit Daten, um sicherzustellen, dass Datenbestände in der kompletten Einrichtung bereinigt, verwaltet und geschützt werden.

Das „Memorial Hermann Health System“ ist die größte gemeinnützige Gesundheitseinrichtung im Südosten von Texas. Es konnte kürzlich seine Pilotphase zum Einsatz einer Governance-Strategie für Daten erfolgreich abschließen und strebt auch weiterhin danach, seinen umfassenden und erstklassigen Ansatz zum Umgang mit Daten weiterzuentwickeln. Wir haben uns mit Paul Lampi, Director of Enterprise Analytics and Reporting am „Memorial Hermann“, zusammengesetzt, um mehr darüber zu erfahren, wie die Einrichtung eine Governance-Strategie für Daten auf den Weg gebracht hat und auf welche Herausforderungen man gestoßen ist.

Die Bedeutung einer Governance-Strategie für den Umgang mit Daten

Warum sind Sie der Auffassung, dass eine Governance-Strategie für den Umgang mit Daten in unserem datenreichen Gesundheitssystem von derart großer Bedeutung ist?

Paul Lampi: Der Umgang mit Daten muss geregelt sein, um sicherzustellen, dass sich alle auf einen gemeinsamen Nenner verständigen. Im Gesundheitswesen gibt es sehr viele zusammenhängende Datenpunkte, auf die zuständige Personen aus einem unterschiedlichen Blickwinkel schauen. Dies wiederum kann zu verschiedenen Interpretationen und damit zu Missverständnissen, falschen Entscheidungen oder Misstrauen gegenüber Daten führen. Ein solider Plan für den Umgang mit Daten trägt dazu bei, klare Definitionen zu schaffen, damit allen Beteiligten bewusst ist, wie Daten verwendet werden und was dies eigentlich genau bedeutet. Ein solch solider Plan geht jedoch über die Etablierung von Definitionen hinaus – er beinhaltet auch, dass man sich auf eine tiefere Datenebene begibt, dort die Quelldatei und den Speicherort von dazugehörigen Tabellen und Feldern feststellt, sich mit zulässigen Daten, Abkürzungen oder alternativen Bezeichnungen befasst und ableitet, wie bestimmte Daten berechnet wurden.

Auf welche Herausforderungen stößt man, wenn man eine Governance-Strategie für den Umgang mit Daten umsetzen möchte?

Die größte Herausforderung ist, dass die Umsetzung mit viel Arbeit für ohnehin bereits sehr beschäftigte Mitarbeiter verbunden ist. Die Implementierung einer Governance-Strategie ist nicht unbedingt mit Kapitalrenditen (ROI), die Sie heute oder zu einem späteren Zeitpunkt erhalten, verbunden. Der Prozess wird viel Zeit in Anspruch nehmen und viele Erträge werden nicht finanzieller Natur sein. Dennoch ist es nicht so, dass Strategien für den Umgang mit Daten für Einrichtungen komplettes Neuland sind. Wir beschäftigen uns ständig mit der Handhabung von Daten; der einzige Unterschied ist, dass wir diese Handlungen nicht als „Governance-Strategie für den Umgang mit Daten“ bezeichnen und normalerweise datenbezogene Informationen auch nicht an einem einzigen Ort dokumentieren. Auf Grundlage einer dokumentierten zentralen Datenquelle kann eine Einrichtung durch die Einsetzung einer Strategie für den Umgang mit Daten und durch einen formalisierten Informationsdokumentations- und Informationsverteilungsprozess Daten definieren, Berichte erstellen und Daten effizienter verwalten.

Erstellung eines Plans für den Umgang mit Daten

Wer sind die Personen hinter Ihrem Plan zum Umgang mit Daten?

Unsere programmatische Herangehensweise umfasst Menschen, Prozesse und Technologien. Mit Blick auf die menschliche Seite werden wir einen Governing-Council etablieren, der hauptsächlich aus Executives und Führungskräften aus der gesamten Organisation bestehen wird. Hier werden dann die endgültigen Entscheidungen getroffen. Die nächste untergeordnete Ebene besteht aus Beratergruppen, die im Einzelfall für Sonderprojekte zusammenkommen. Nachgestellt haben wir die Stewards und Governors. Hier findet die eigentliche Arbeit in Bezug auf Governance statt. Governors haben einen eigenen funktionalen Bereich im Rahmen des Daten-Governance-Prozesses, wie beispielsweise mit Ärzten verbundene Finanzierungen, klinische Dienstleistungen oder unsere Krankenversicherung.

Sämtliche Personen und Aktivitäten, die dafür sorgen, dass der Plan ordnungsgemäß funktioniert, werden von unserem Data Governance Office unterstützt. Sie sind die Dirigenten des ganzen Orchesters. Sie sind dafür zuständig, den Daten-Governance-Prozess zu initiieren, anderen darüber Auskunft zu geben, welche Aspekte Governance beinhaltet bzw. sie mit genaueren Informationen darüber zu versorgen, Governors und Stewards durch den Prozess zu führen und schließlich Auswertungen und Audits hinsichtlich der Ergebnisse durchzuführen. Der Governing Council ist während des gesamten Prozesses für die Priorisierung und Schlichtung sämtlicher Angelegenheiten zuständig.

Welcher technologische Aspekt steckt hinter Ihrem Plan zum Umgang mit Daten?

Zunächst konzentriert sich unser Plan zum Umgang mit Daten auf Definitionen. Wir werden ein Business-Glossarsystem verwenden, das unsere Metadaten – also Daten zu Daten – beinhaltet. Unser Ziel ist es, Daten auf eine ähnliche Art und Weise wie bei Amazon zugänglich zu machen: Der Nutzer sucht nach einem Buchtitel und es werden ihm verschiedene Optionen aufgezeigt. Dann wiederum kann er sich eine Beschreibung des Buches, Kundenrankings und -bewertungen sowie den Zustand des Buches und verschiedene Kaufmöglichkeiten anzeigen lassen. Dieser Technologieschwerpunkt lässt sich gewissermaßen als eine „Dateneinkaufstour“ betrachten. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, ein Glossar zu erstellen, in dem wir nach einem Begriff und der dazugehörigen Definition sowie den einhergehenden Bedingungen, Bedeutungen und Verwendungen suchen können. Mit Hilfe des Glossars lassen sich weiterhin in Verbindung mit den eingegebenen Daten stehende Objekte gründlich recherchieren. Darüber hinaus kann man das System, in dem es enthalten ist, sowie die genaue Datenbanktabelle und das Datenbankfeld einsehen. Wir arbeiten daran, einen zentralen Ort für Bestandsdaten innerhalb unserer Einrichtung zu erstellen. Sobald wir mit dem Glossar größere Fortschritte machen, werden wir die Datenqualität und die Stammdatenverwaltung angehen.

Pilotierung einer Governance-Strategie für Daten

Können Sie uns mehr über Ihr Pilotprojekt erzählen? Wie haben Sie entschieden, wer Teil des Projektes wird?

Wir wollten unseren komplett programmatischen Ansatz hinsichtlich der involvierten Personen, Prozesse und Technologien erproben. Wir haben mit unterschiedlichen Personen, die verschiedene Funktionen innerhalb des Systems – sowohl klinisch als auch administrativ – repräsentieren, begonnen. Darüber hinaus haben wir einige Demoversionen der Technologie getestet, in die wir die tatsächlichen Inhalte für das Projekt geladen haben. Unser oberstes Ziel war es, Rückmeldungen und Meinungen zu dem tatsächlichen potenziellen Tool (dem Glossar) von unterschiedlichen Beteiligten des gesamten Systems zu erhalten.

Wir haben erst einmal ganz einfach angefangen und beteiligten diejenigen, die ohnehin schon großes Interesse zeigten und sich in Abstimmung mit unserem Team aktiv mit Datenprojekten beschäftigten. Dies war bereits damit verbunden, Definitionen zu erstellen und Daten aus diversen Quellen zu finden. Danach haben wir uns im Rahmen eines umfassenden Dokumentationsprozesses daran gesetzt, die Definitionen und die zugrunde liegenden Metadaten zu formalisieren. Anschließend baten wir jeweils eine Person, für ein Projekt als Governor zu fungieren und dann ein Team aus direkt unterstellten Mitarbeitern oder Kollegen aus ihrem Funktionsbereich zusammenzustellen, mit denen sie bereits zusammenarbeitete.

Wir haben uns mit jedem Team zusammengesetzt, haben kurz unser Ziel erklärt und den für die Implementierung der Strategie entwickelten Prozess verdeutlicht. Auf diese Weise brachten wir den Stein ins Rollen. Nachdem wir uns sicher waren, dass die jeweiligen Teams das Konzept eigenständig vorantreiben konnten, baten wir um die Bereitstellung von lediglich ein oder zwei Begriffen und dann ging alles erst richtig los. In den Begriffsdefinitionen selbst waren bereits ein oder sogar mehrere Begriffe enthalten. Ein Team definierte beispielsweise „Aufenthaltsdauer“ als die „Zeit zwischen der Aufnahme und Entlassung“. Wir im Gegenzug fragten uns dann, wie man „Aufnahme“ definieren könnte. Das Team war anschließend erneut dafür zuständig, sich eine Definition für „Aufnahme“ auszudenken, und schon ergaben sich daraus zwei bis drei oder sogar noch mehr neue Begriffe. In nur fünfzehn Minuten hatten wir bereits eine Liste mit ungefähr vierzig Begriffen, die wiederum alle neu festgelegt werden mussten. Wir teilten die Liste auf, wiesen jedem Team einen Begriff zu und jeder machte sich daran, Definitionen zu erstellen. Anschließend kam das Team erneut zusammen, und jeder Mitarbeiter stellte vor, woran er gearbeitet hatte. Im Plenum wurde darüber nochmals diskutiert und jeder Begriff bekam den letzten Feinschliff, bevor er schließlich ins Glossar aufgenommen wurde.

Daten als Asset

Wie verwendet das Memorial Hermann aktuell seine Daten und welches zukünftige Potential sehen Sie hier mit Blick auf Ihre Daten-Governance-Strategie?

Das Mission Statement für die Daten-Governance des Memorial Hermanns ist es, Daten als Asset zu behandeln. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, unsere Daten unter Sicherstellung, dass wir die richtigen Daten verwenden und mit den jeweils korrekten Parametern versehen, zu verwalten und zu definieren. Wir möchten weiterhin höchste Datenqualität gewährleisten. Wenn wir keinen angemessenen Datenumgang pflegen, verschwenden wir nicht nur Zeit, sondern schlichtweg auch Geld, da wir, wenn unsere Daten nicht zuverlässig wären, Analysen und Berichte zur Entscheidungsfindung erstellen müssten. Das Memorial Hermann betreibt bereits Daten-Governance, jedoch wird unsere neue Strategie den vorhergehenden Prozess formalisieren, sodass wir über eine Datenquelle und eine Informationsquelle für unsere Daten verfügen. Aus meiner Sicht wird uns Daten-Governance deutlich schneller voranbringen, da die Erstellung von Analysen auf Grundlage unseres Business-Glossars, in dem wir nach dem korrekten Begriff, Speicherorten, Berechnungen und nach sämtlichen Informationen in Bezug auf bestimmte Daten suchen können, künftig einfacher sein wird.

Welchen Ratschlag würden Sie anderen Einrichtungen im Gesundheitsbereich geben, die sich auch auf den Weg machen möchten, um eine Daten-Governance-Strategie zu entwickeln?

„Weg“ ist hier mit Blick auf Daten-Governance buchstäblich das Schlagwort. Der eigentliche Weg, der aus ständigem Aktualisieren und Verfeinern besteht, ist das Ziel. Abgesehen davon sollten Sie für Ihre Einrichtung genau definieren, was Daten-Governance für Sie bedeutet und auf dieser Grundlage Ihre Strategie entwickeln. Wir benötigten hierfür ein ganzes Jahr. Am Anfang stand eine kleine Gruppe an Führungskräften, die den Bedarf erkannten und unsere anfängliche Definition zum Umgang mit Daten entwickelten. Meiner Ansicht nach sollte man die Dinge nicht überstürzen. Machen Sie sich Gedanken darüber, wie Sie Ihre Daten-Governance-Strategie strukturieren werden und was für Ihre Einrichtung am besten funktioniert. Danach können Sie sich Schritt für Schritt auf den Weg machen.

Es ist allein schon viel Arbeit, sich die Zeit zu nehmen, sämtliche datenbezogenen Informationen zu dokumentieren. Sie sehen: Sie leisten bereits den Hauptteil der Arbeit. Sie befassen sich schon jetzt damit, den Speicherort und die Bedeutung der Daten herauszufinden. Der einzige Unterschied ist, dass Sie den Prozess noch nicht formalisieren und erfassen. Zunächst steht man vor einem riesigen Berg an Arbeit, aber der Berg schrumpft, sobald mehr Personen über mehr Daten verfügen und man die Datenquellen der anderen nutzen kann.