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von Norbert Neumann
veröffentlicht am 10.12.2018

Die Healthcare-IT-Industrie steht vor dem nächsten Wandel

„Dass Deutschland beim digitalen Wandel im Gesundheitswesen hinterherhinkt, ist Fluch und Segen zugleich.“ Manuela Lautner ist Leiterin des Centers of Competence bei Cerner und damit sehr vertraut mit Anspruch und Wirklichkeit der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Die Diplom-Ingenieurin (FH) und Gesundheitsökonomin hat in rund 20 Jahren Berufserfahrung viele Wandlungen im Healthcare- IT-Markt mitgemacht und ist überzeugt, dass ein neuer bevorsteht.

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„Dass Deutschland beim digitalen Wandel im Gesundheitswesen hinterherhinkt, ist Fluch und Segen zugleich.“ Manuela Lautner ist Leiterin des Centers of Competence bei Cerner und damit sehr vertraut mit Anspruch und Wirklichkeit der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Die Diplom-Ingenieurin (FH) und Gesundheitsökonomin hat in rund 20 Jahren Berufserfahrung viele Wandlungen im Healthcare- IT-Markt mitgemacht und ist überzeugt, dass ein neuer bevorsteht: „Während viele Krankenhäuser in Deutschland noch auf dem Stand von Healthcare-IT 2.0, also der Digitalisierung der Dokumentation sind, ist im angrenzenden Ausland der Standard schon eher bei Healthcare-IT 3.0, also smarten Systemen, angekommen. Interessant ist aber, dass eine zunehmende Anzahl unserer Kunden bereits an der Schwelle zur nächsten Stufe steht, nämlich der, in der übergreifende IT-Infrastrukturen und Big Data ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement ermöglichen. Erfreulicherweise sind auch einige Kunden in Deutschland schon so weit.“

Bei Healthcare-IT 3.0 stoßen herkömmliche Systeme an ihre Grenzen

Diese Entwicklung bedingt aber auch ein Umdenken bei Anwendern und Herstellern: „Bisher war es so, dass IT-Infrastrukturen im Krankenhaus je nach Erfordernis Stück für Stück ausgebaut werden konnten“, erklärt Manuela Lautner. „Das geschah nach den entsprechenden Anforderungen in einzelnen Projekten mit verschiedenen Herstellern. Das Resultat waren und sind IT-Landschaften, die aus unterschiedlichen Subsystemen bestehen, die über Schnittstellen teils projektspezifisch miteinander verknüpft sind. Bis Healthcare-IT 3.0 kann man damit auch relativ gut arbeiten. Dann stößt man allerdings an eine Grenze.“ Denn übergreifende Lösungen, die ein umfassendes Gesundheitsmanagement innerhalb und außerhalb von Krankenhäusern ermöglichen, benötigen eine andere Struktur: „Wir bezeichnen das als Ecosystem: Flexible Bausteine greifen funktional ineinander und können dynamisch ergänzt werden, um für die Erfordernisse der Zukunft bestmöglich aufgestellt zu sein“, erläutert Manuela Lautner. „Das KIS dient als Kernsystem, in dem die digitale Dokumentation und Prozessunterstützung so weit wie möglich abgebildet werden. Spezielle Anforderungen können durch weitere Systemkomponenten flexibel und interoperabel ergänzt werden, die aber nicht mehr nur an das Kernsystem angebunden, sondern möglichst tief in das KIS eingebunden sind. Möglich wird dies nicht zuletzt durch neue Trends und Spezifikationen wie SMART on FHIR®.“

Manuela Lautner
Leiterin des Center of Competence bei Cerner

Das IT-Ecosystem der Zukunft: Big Data statt Datengrab

Der Vorteil für die Anwender liegt nicht nur in kosteneffizienten Infrastrukturen mit wenig Schnittstellen und entsprechend geringem Wartungsaufwand. Vielmehr ist damit auch ein Zugriff auf generische Daten möglich, den klassische Systeme so nicht leisten können. Die feinen Unterschiede zu den bisherigen IT-Strukturen erläutert Stefan Ruch, der als Solution Leader im Team von Manuela Lautner tätig ist: „Das klassische KIS ist vor allem darauf ausgelegt, Daten intern zu generieren und zu archivieren. Externe Informationen werden bisher oft über Schnittstellen eingespielt und dann im KIS abgelegt. Zukünftig hat das KIS eher die Rolle eines Datenbrokers und Prozesssteuerungstools, das darüber hinaus die Möglichkeit eröffnet, variable Arbeitsabläufe anhand der aktuellen Situation zu unterstützen. Dazu reicht es eben nicht mehr, ein PDF, das über eine Schnittstelle eingespielt wird, irgendwo abzulegen, sondern Sie benötigen eine offene Architektur und entsprechende Datenverarbeitungsmöglichkeiten, um mit generischen Daten arbeiten zu können.“

Erste Kunden von Cerner arbeiten bereits mit Vorhersagealgorithmen, um die Patientenversorgung besser steuern zu können. „Hier werden vorhandene Patientendaten, die über Jahre gesammelt wurden, ausgewertet, um anhand statistischer Auswertungen individuelle Vorhersagen über den wahrscheinlichen Behandlungsverlauf treffen zu können“, erklärt Stefan Ruch. „Mit den bisherigen Systemarchitekturen stoßen Sie dabei allerdings an Grenzen. Und genau das ist die Entwicklung, an der wir arbeiten.“

Krankenhäuser mit geringem Ausbaugrad in der IT können jetzt ihre IT-Landschaft schnell und zukunftssicher entwickeln

Das ist auch der Grund, warum sich deutschen Krankenhäusern mit einem geringen Ausbaustand der IT jetzt eine echte Chance bietet, erklärt Manuela Lautner: „Healthcare-IT 4.0 erfordert eine ganzheitliche Sicht auf die Abläufe und Infrastrukturen innerhalb wie auch außerhalb des Krankenhauses. Es geht dabei nicht nur um IT, sondern zum Beispiel auch um Medizin- und Haustechnik, Ver- und Entsorgung und anderes mehr. Das sind alles Bereiche, die in die Patientenversorgung sowie den Betrieb eines Krankenhauses hineinspielen. Krankenhäuser mit einem geringen Ausbaustand der IT können das bei der Planung ihrer Infrastruktur entsprechend berücksichtigen, um einen schnellen Ausbau bei überschaubaren Investitionen zu erreichen. Häuser mit hohem IT-Ausbaugrad sind hingegen eher gefordert, ihre komplexen Landschaften neu zu strukturieren.“

Der KIS-Hersteller im Wandel zum Anbieter von Gesamtlösungen

Doch die Entwicklungen im Healthcare-IT-Bereich betreffen nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die Hersteller. „Die Zeit für die Hersteller klassischer, monolithischer KIS ist meiner Meinung nach abgelaufen“, stellt Manuela Lautner fest. „Vielmehr müssen wir uns der erweiterten Sichtweise auf und der zunehmenden Komplexität von IT-Infrastrukturen stellen.

Das tun wir bei Cerner, indem wir Healthcare-IT als ein Ecosystem betrachten, in dem verschiedene Module ineinandergreifen, interagieren und symbiotisch voneinander abhängen.“ In der Konsequenz bedeutet das, dass Cerner seine Rolle als Hersteller von IT erweitert. Stefan Ruch dazu: „Natürlich bleibt die Entwicklung von IT-Systemen eine unserer Kernkompetenzen. Allerdings beziehen wir zunehmend Partner aus IT und Medizintechnik mit in die Entwicklung ein. Dadurch erreichen wir, dass Speziallösungen und Medizingeräte eben nicht nur an unsere KIS-Systeme angebunden, sondern funktional zum integralen Bestandteil werden. Der zweite Punkt ist, dass wir unseren Kunden zunehmend Komplettlösungen aus einer Hand anbieten wollen. Gerade angesichts des Nachholbedarfs, den viele Krankenhäuser in Deutschland haben, geht es darum, ihnen Möglichkeiten zu eröffnen, schnell und mit moderatem Investitionsaufwand eine zukunftssichere IT- Infrastruktur aufzubauen. Unsere Kunden erhalten also nicht nur Beratung im Rahmen von Projekten. Vielmehr geht es uns darum, zusammen mit unseren Partnern passgenaue Bausteine anzubieten, mit denen unsere Kunden eine zusammenhängende Infrastruktur aufbauen können. Und das mit nur einem Ansprechpartner und entsprechend geringem Aufwand.“

Stefan Ruch
Solution Leader & Partnership Manager bei Cerner

Der Vorteil für Kunden: ein Ansprechpartner auch bei komplexen, übergreifenden Projekten

Gerade kleinere Krankenhäuser mit eher schwach besetzten IT-Abteilungen dürften sich über diese Nachricht freuen. Statt wie bisher aufwendige Projekte mit mehreren Beteiligten koordinieren zu müssen und im Endergebnis eine IT mit wartungsintensiven Schnittstellen zu besitzen, eröffnet sich ihnen zukünftig die Möglichkeit, mit Cerner als eine Art Generalunternehmer auch komplexe Projekte mit überschaubarem Aufwand umzusetzen. Am Ende steht dann eine Infrastruktur, die aus eng aufeinander abgestimmten Komponenten besteht, die von Cerner und seinen Partnern gemeinsam entwickelt wurden. Das ist umso attraktiver, als Medizintechnik und IT immer weiter zusammenwachsen. „Es geht nicht nur darum, dass Medizingeräte in die Prozessstrukturen eingebunden werden und ein reibungsloser Datenaustausch stattfindet“, gibt Manuela Lautner zu bedenken. „Man hat es auch mit unterschiedlichen Investitionszyklen zu tun. Wenn hier keine langfristige Planung stattfindet, kann das den Aufbau der IT-Infrastruktur unnötig hemmen und verteuern.“

Einfache Low-Budget-Lösungen können in eine Kostenfalle führen

Stefan Ruch warnt noch vor einer anderen Kostenfalle: „Im Markt tummeln sich seit geraumer Zeit auch Anbieter von Elektronischen Patientenakten (EMR) als Low-Budget-Lösung. Das klingt gerade für Häuser mit geringen Mitteln attraktiv. Allerdings sollte man dabei nicht übersehen, dass ein EMR alleine nicht in der Lage sein wird, der Entwicklung in Richtung Healthcare-IT 4.0 ohne weiteres zu folgen. Man läuft damit Gefahr, auf dem Stand der reinen digitalen Dokumentation und Archivierung stehenzubleiben und die zukünftige Entwicklung seiner IT-Infrastruktur zu blockieren. Hier gilt wirklich: ‚Wer billig kauft, kauft zweimal‘.“ Zumal EMRs zwar im medizinischen Tagesgeschäft eine wichtige Rolle spielen, aber nur einen Teil des IT-Ecosystems ausmachen, wie Manuela Lautner erläutert: „Wir erleben es gerade bei Kunden, die bereits sehr fortgeschrittene Infrastrukturen haben: Um mit Big Data Prozesse und Unternehmen besser steuern zu können, sind einheitliche Datenstrukturen unumgänglich. Es geht nicht mehr nur darum, zu dokumentieren und zu archivieren. Vielmehr sollen die gesammelten Daten verarbeitet und neue Informationen gewonnen werden. Fallbezogene Datenstrukturen eignen sich dafür nur sehr bedingt. Vielmehr benötigt man Daten, die einheitlich erhoben wurden, zentral zugänglich sind und die auch Patientenverläufe abbilden können. Das wird umso mehr Bedeutung gewinnen, wenn es z. B. in den Bereich ‚Population Health‘ geht. Deswegen entwickeln wir unsere entsprechenden Lösungen, mit denen in den USA und Großbritannien bereits erfolgreich gearbeitet wird, auch beständig weiter, um sie in sämtliche unserer KIS-Plattformen einbinden zu können.“

Insgesamt sehen Manuela Lautner und ihr Kollege Stefan Ruch den Wandlungen im Healthcare-IT-Markt entspannt entgegen: „Der Begriff IT-Ecosystem wird nicht nur von uns genutzt. Die Frage ist, ob man damit ein ‚Weiter so‘ von Komponenten bezeichnet, die über Schnittstellen verbunden sind, oder ob man – wie wir – zusammen mit Partnern Lösungen entwickelt, die symbiotisch interagieren. Wir bei Cerner – und damit vor allem auch unsere Kunden – sind in unserer Region auf einem guten Weg zu Healthcare-IT 4.0.“