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von Norbert Neumann
veröffentlicht am 25.10.2016

Klinikum Ingolstadt optimiert den Informationsfluss im Schlaganfallnetzwerk NEVAS

Etwa alle zwei Minuten erleidet ein Mensch in Deutschland einen Schlaganfall. Von den gut 200.000 betroffenen Patienten überlebt ein Viertel dieses Ereignis nicht. Doch auch unter den Überlebenden gibt es viele, die für den Rest ihres Lebens massiv an den Folgen leiden.

Time is brain

Bei einem Schlaganfall ist die Durchblutung eines Hirnareals vermindert oder komplett unterbrochen. Da Hirngewebe außerordentlich empfindlich auf den dadurch verursachten Sauerstoffmangel reagiert, entstehen schnell schwerste und dauerhafte Schäden. Nur durch eine schnelle und gezielte Intervention kann möglichst viel Hirngewebe und damit Funktionalität gerettet werden. Neurologen veranschaulichen diesen Zusammenhang gerne mit der einprägsamen Formel „Time is brain“ – „Zeit ist Hirn“.

Doch nicht immer ist ein Krankenhaus mit einer rund um die Uhr besetzten neurologischen Fachabteilung in der Nähe, die eine dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechende Behandlung gewährleisten könnte.

Herausforderung im Flächenstaat Bayern: schneller Zugang zu fachärztlicher Expertise

Speziell im Flächenstaat Bayern war man sich dieses Problems schnell bewusst und startete Projekte zur Vernetzung von Kliniken. Ziel war es, Kliniken flächendeckend einem auf Schlaganfälle spezialisierten Zentrum zuzuordnen und durch telemedizinische Vernetzung zum frühestmöglichen Zeitpunkt eine zielgerichtete Therapie durch einen erfahrenen Facharzt einleiten zu können. Eines dieser Netzwerke, die in verschiedenen Regionen Bayerns im Auftrag des Staatsministeriums für Gesundheit aufgebaut wurden, ist „NEVAS“. Diese Abkürzung steht für „Neurovaskuläres Versorgungsnetzwerk“. Unter Federführung des Klinikums der Universität München wurden 15 Kliniken und 3 Schlaganfallzentren im Raum Südwestbayern vernetzt.

Eines der drei Schlaganfallzentren von NEVAS ist das Klinikum Ingolstadt. Der neurologische Oberarzt Dr. Leonard Fuhry erläutert die Grundzüge des Netzwerks: „Den einzelnen Zentren sind Kooperationskliniken zugeordnet, die im Versorgungsbereich flächendeckend angeordnet sind. Die Kollegen in diesen Kliniken erhalten eine spezielle Schulung, um Schlaganfälle besser zu erkennen. Man muss sich vor Augen halten, dass ein Schlaganfall nicht zwangsläufig mit massiven Störungen wie Halbseitenlähmungen oder Sprachstörungen einhergeht. Oft finden sich nur leichte oder unspezifische Symptome wie Sehstörungen, Bewusstseinsstörungen oder Schwindel – je nachdem, wo die Hirnschädigung lokalisiert und wie ausgeprägt sie ist. Außerdem erfolgt während der Schulung eine Einweisung in die telemedizinischen Geräte.“

 

„Wir nutzen Soarian Integrated Care schon lange zum Austausch mit niedergelassenen Kollegen. Deswegen waren wir mit den
Möglichkeiten des Systems vertraut und wussten auch, dass es flexibel einsetzbar, zuverlässig und sicher ist."
Dr. Leonard Fuhry, Oberarzt der Neurologischen Klinik am Klinikum Ingolstadt

 

Telemedizinische Vorstellung von Patienten

Wird in eine der Kooperationskliniken ein Patient mit Verdacht auf Schlaganfall eingewiesen, veranlasst der diensthabende Arzt – in der Regel ein internistischer Assistenzarzt – eine Basisdiagnostik, unter anderem eine Computertomografie des Schädels. Nachdem er grundlegende Patientendaten wie die Anamnese und vor allem den zeitlichen Ablauf der Erkrankung und eventuelle Kontraindikationen für eine Lysetherapie (also die Gabe blutgerinnungshemmender Medikamente) eruiert hat, kontaktiert er die neurologische Abteilung im übergeordneten Zentrum. „Wir haben 24 Stunden am Tag einen Facharzt, der vor Ort oder mobil erreichbar ist“, erklärt Dr. Fuhry. „Der Patient wird dem diensthabenden Kollegen im Zentrum über eine Bild- und Tonleitung vom Arzt im aufnehmenden Krankenhaus vorgestellt. Anhand der vorab zusätzlich übermittelten CT-Bilder und Anamnesedaten empfiehlt der Facharzt eine Therapie, die dann in der aufnehmenden Klinik direkt begonnen werden kann. Gerade bei komplexen Fällen wie Hirnstamminfarkten kann das für den Patienten lebensrettend sein. Im Einzelfall kann es passieren, dass der Patient für eine weitere Versorgung ins Zentrum verlegt werden muss – etwa, um ein verschlossenes Gefäß mittels Kathetertechnik wieder zu eröffnen oder eine Blutung neurochirurgisch zu versorgen. Aber auch in diesem Fall ist die initiale Therapie schon eingeleitet, was die Folgeschäden nachweislich verringert.“

Da die Patientendaten schnell und sicher übermittelt werden müssen, um eine möglichst zeitnahe Diagnostik und Therapie sicherzustellen, suchte man im NEVAS-Netzwerk nach einer Möglichkeit zur Verbesserung der Kommunikation. Dr. Fuhry umreißt die Ausgangssituation: „Die Übermittlung der CT-Bilder erfolgte anfangs über eine Datenleitung direkt von der Kooperationsklinik ins jeweilige Zentrum. Das hat zwar gut funktioniert, entsprach aber nicht der Philosophie eines Netzwerks und hat bei Kapazitätsengpässen die Betreuung durch ein anderes Zentrum behindert. Ungünstig war auch die Übertragung der vom Kollegen in der Aufnahmeklinik erhobenen Daten und Befunde wie Anamnese oder der zeitliche Ablauf. Gerade letzterer ist extrem wichtig, weil beispielsweise eine Lysetherapie nur innerhalb eines kurzen Zeitfensters nach dem Auftreten der Symptomatik sinnvoll ist.“ Bislang wurden diese Daten auf einem Papierformular dokumentiert, das dann an das Zentrum gefaxt wurde. „Problematisch dabei waren insbesondere die Lesbarkeit und der doch recht hohe Aufwand. Insbesondere, weil wir unsere Therapievorschläge ebenfalls wieder auf dem Formular dokumentieren und zurückfaxen mussten“, erinnert sich Dr. Fuhry.

Verbesserter Informationsfluss mit Soarian Integrated Care

Die Idee war deswegen, die Datenübertragung komplett elektronisch laufen zu lassen. Dr. Fuhry schildert die Entscheidungsfindung: „Zunächst kam die Idee auf, die teilnehmenden Krankenhäuser und die Zentren in einer Cloud zu vernetzen und die Formulare und Bilder dort abzulegen. Dazu hätten wir aber einen externen Anbieter benötigt und da gab es große Bedenken bezüglich des Datenschutzes.“ Deswegen und auch aus Kostengründen wurde beschlossen, das in Ingolstadt vorhandene Soarian® Integrated Care-System für NEVAS auszubauen. „Wir nutzen Soarian Integrated Care schon lange zum Austausch mit niedergelassenen Kollegen“, erläutert Dr. Fuhry. „Deswegen waren wir mit den Möglichkeiten des Systems vertraut und wussten auch, dass es flexibel einsetzbar, zuverlässig und sicher ist. Die Patientendaten aus NEVAS werden auf unseren Servern gehostet, sodass wir die Gewähr haben, dass sie sicher aufgehoben sind.“

Das Klinikum Ingolstadt richtete in Soarian Integrated Care ein eigenes Formular für Schlaganfallpatienten ein und konfigurierte das System. Dr. Fuhry erklärt den Ablauf: „Wie bisher führt der Kollege im externen Krankenhaus die Basisdiagnostik durch und verschickt die CT-Bilder des Patienten als DICOM-Datensatz, im Unterschied zu früher allerdings ausschließlich auf unseren Chili-Server im Klinikum Ingolstadt. Dieser Vorgang generiert in Soarian Integrated Care automatisch eine elektronische Behandlungsakte mit allen erforderlichen administrativen Patientendaten, auf die der Kollege im externen Krankenhaus und das zuständige Zentrum Zugriff haben. In dieser Akte liegen bereits die CT-Bilder sowie ein elektronisches Formular, das wir speziell für die Diagnostik und Therapie von Schlaganfallpatienten im Netzwerk entwickelt haben und das die relevanten Patientendaten enthält. Der Arzt der Kooperationsklinik muss lediglich Anamnese, Zeitablauf und Kontraindikationen in strukturierter Form eintragen, der Aufwand hierfür liegt bei etwa einer Minute. Wenn der Patient über die telemedizinische Anbindung vorgestellt wird, kann ihn der diensthabende Neurologe im Zentrum wie bisher über die Bild- und Tonverbindung sehen und mithilfe des Kollegen in der Kooperationsklinik untersuchen.

Der Unterschied zu vorher liegt darin, dass der Neurologe jetzt direkt im elektronischen Formular seinen Befund und den Therapievorschlag dokumentieren kann. Dabei nutzen wir Textbausteine, die uns einerseits die Arbeit erleichtern, andererseits dabei helfen, unsere Therapieempfehlungen zu vereinheitlichen. Unmittelbar nach dem Abspeichern der Dokumentation hat der Arzt in der Kooperationsklinik über Soarian Integrated Care wieder Zugriff auf das nun fertig ausgefüllte Formular. Das geht nicht nur schneller als die Dokumentation auf Papier und die Übertragung per Fax, sondern hat zudem den Vorteil der besseren Lesbarkeit und der datenschutzrechtlich sicheren Übertragung. Auch die wissenschaftliche Begleitung von NEVAS wurde erst durch die gemeinsame Plattform für alle Satelliten und Zentren sowie den Einsatz strukturierter Datenfelder möglich. Wir sind stolz, dass es uns gelungen ist, ohne die extrem zeit- und kostenintensive Anbindung von 18 Krankenhausinformationssystemen das Netzwerk technisch zu realisieren.“

Reibungsloser Datenaustausch auch bei Verlegung

Ein weiterer Vorteil: Wenn der Patient in ein Zentrum verlegt werden muss, kann die Dokumentation in Soarian Integrated Care in ein PDF-Dokument umgewandelt und in die elektronische Krankenakte des Krankenhausinformationssystems übernommen werden. „Das Zentrum hat damit vorab schon alle relevanten Daten, um beispielsweise einen neuroradiologischen Eingriff vorbereiten zu können“, begeistert sich Dr. Fuhry. Für den Schlaganfallpatienten bedeutet das wiederum eine Zeitersparnis und damit die Chance auf ein besseres Behandlungsergebnis und höhere Überlebenschancen.

Das freut nicht nur den Arzt, sondern vor allem die Patienten. Denn je schneller und reibungsloser Diagnostik und Therapie bei einem Schlaganfall laufen, desto besser sind die Heilungschancen. So hilft Soarian Integrated Care dabei, für den Patienten Zeit zu gewinnen. Und Zeit ist Hirn.

Info/Kontakt:

www.cerner.de
norbert.neumann@cerner.com

Fotos: © Klinikum Ingolstadt

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