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von Ralf Boldt
veröffentlicht am 09.08.2017

Ein Gastbeitrag von Ralf Boldt

Ralf Boldt ist Geschäftsbereichsleiter Informationstechnologie am Klinikum Oldenburg. Neben Krankenhausinformationssystemen gilt seine Leidenschaft der Science-Fiction. Er ist in der deutschen SciFi-Szene aktiv und auch als Autor tätig. Unter anderem veröffentlichte er die Bücher „Der Temporalanwalt“ und „Was kostet eine Raumstation?“ Im Gastbeitrag lässt er seiner Phantasie zum Thema „Gegenwart und Zukunft der Healthcare-IT“ freien Lauf.

Lesedauer des gesamten Beitrags ca. 5 Minuten. Lieber später in Ruhe lesen? Laden Sie HIER die PDF-Version herunter.


Alfred Wagner wachte auf und wusste, dass dies nicht sein Tag werden würde. Bettdecke und Laken waren schweißnass und in seinem Kopf dröhnte dumpfer Druck. Ein Blick auf die Projektionsfläche seines Weckers verriet ihm, was er schon befürchtet hatte. Umdrehen und weiterschlafen waren keine Optionen. In einer Viertelstunde würden ihn Licht und sanfte Töne vom Multifunktionsgerät wecken wollen. Denn das Gerät auf seinem Nachttisch war mittlerweile viel mehr als ein schnöder Wecker, es war die Schnittstelle für die Sensoren seines Bettes zu der künstlichen Intelligenz, kurz KI, die sowohl sämtliche Vorgänge im Haus steuerte und überwachte, als auch den menschlichen Bewohnern als persönliche Assistentin diente. Beim Aufstehen wurde aus dem dumpfen Druck kurz ein Stich im Kopf, der sich zu einem permanenten Kopfschmerz einpegelte. Alfred schlurfte ins Bad. Das automatische Einschalten des Lichts verstärkte den Schmerz und Übelkeit brandete kurz auf, die er tapfer herunterschluckte. Im Spiegel sah er ein Gesicht, das seine Schwäche gut wiedergab. Die KI, er hatte ihr den Eigennamen Magda gegeben, nahm dies zum Anlass, sich zu melden.

„Wie geht es uns denn heute Morgen?”

„Ich weiß nicht, wie es deinen Schaltkreisen geht, aber ich fühle mich wie von einer Walze überrollt”, antwortete Alfred. Er hatte versucht, Magda das „uns” abzugewöhnen, doch der joviale Ton schien in der Firmware selbst festgeschrieben zu sein. Und auch die eigenwillige Art von Humor.

„Ich kann keine äußeren Verletzungen eines Unfalls mit einem Baufahrzeug erkennen. Soll ich die Berufsgenossenschaft benachrichtigen?”

„Das war nur im übertragenden Sinne gemeint!”, fauchte Alfred.

„Ich weiß”, sagte Magda. Nun klang sie wie eine besorgte Frau.

„Hör’ auf, wie meine Mutter zu klingen!”, entgegnete er, wobei er wusste, dass Magda nicht aufhören würde.

„Warum denn so gereizt heute Morgen? Geht es dir nicht gut?”

„Ich habe schlecht geschlafen, geschwitzt wie ein Springbrunnen und ICH HABE KOPFSCHMERZEN.” Sein Gefühlsausbruch verstärkte den Schmerz nur noch. Magda schien kurz zu überlegen. Eine Marotte nur, denn die Daten flossen mit Lichtgeschwindigkeit durch das Haus und standen damit quasi sofort zur Verfügung.

„Richtig. Du hast mehr als doppelt so viel Flüssigkeit ausgeschwitzt als sonst. Du wirst doch nicht etwa krank werden? Soll ich auf der Arbeit anrufen und Bescheid geben, dass du nicht kommst?”

„Ich muss zur Arbeit. Du kennst meinen Terminkalender für heute. Ich nehme eine Kopfschmerztablette und gut ist.”

„Na, na, na! Erst checken wir dich durch. Fiebermessen!” Artig nahm er das Thermometer aus dem Badezimmerschrank und hielt es sich an die Schläfe.

„38 Komma 5!”

Magda klang besorgt. „Setz dich mal aufs Klo. Wir benötigen eine Stuhlprobe.”

Alfred tat wie aufgetragen.

„Speichel!”

Alfred benetzte ein Wattestäbchen und schob es in die Analyseöffnung neben der Toilette.

„Fertig”, meinte er, obwohl er sich bewusst war, dass Magda dafür keinen akustischen Hinweis benötigt hätte.

„Alfred”, sagte Magda mit einem besorgten Unterton.

„Magda”, antwortete Alfred, der jetzt doch etwas unruhig wurde.

„Ich weiß nicht recht”, begann Magda vorsichtig.

„Wir sollten deinen Arzt kontaktieren.”

Jetzt war die Katze aus dem Sack. Alfred suchte den Kontakt zu Ärzten so selten wie möglich. Ein Rundum- Check einmal im Jahr genügte seiner Meinung nach.

„Wirklich? Muss das sein?”, fragte er deshalb noch einmal nach.

„Ja, ich muss leider darauf bestehen”, antworte Magda mit der Strenge einer Mutter.

„Ok”, sagte Alfred leise und gab damit seine Zustimmung.

In der gleichen Sekunde strahlte ihn Doktor Janssen aus dem Spiegel an. „Wo drückt denn der Schuh?”, fragte er gut gelaunt. Er arbeitete im Gesundheitszentrum Nord. Nachdem Arztpraxen und Krankenhäuser fusioniert worden waren, war nun eine Rund-um-die-Uhr- Betreuung möglich. Magda übernahm die Gesprächsführung, was Alfred in diesem Moment ganz lieb war, denn er fühlte sich noch viel schlechter als beim Aufstehen.

„Er hat hohes Fieber”, dramatisierte sie ein wenig.

„Darf ich mal die Daten sehen?”, fragte Doktor Janssen.

„Schau in den Spiegel, Alfred”, kam die Anweisung von Magda. Ein Iris-Scan bestätigte, dass Alfred eben Alfred war.

„Freigabe erteilt”, krächzte Alfred ein wenig heiser. Der Arzt schaute kurz nach links, wohl auf seinen zweiten Bildschirm, und sagte: „Ich benötige ein wenig Blut.”

„Kein Problem”, entgegnete Magda. “Alfred, bitte lege die Hand auf das Waschbecken!” Alfred tat wie geheißen und spürte einen kurzen Stich.

„Bitte geben Sie die Daten frei”, meldete sich Doktor Janssen zu Wort.

Noch einmal erteilte Alfred die Freigabe.

„Ich schalte mal einen Kollegen dazu”, sagte der Arzt. Ein weiteres Gesicht erschien im Spiegel und stellte sich als „Doktor Bogdanov” vor. „Wir besprechen uns kurz und sind gleich wieder da.” Die beiden Gesichter verschwanden und Alfred sah sich alleine im Spiegel.

„Steht es so schlimm um mich?”, fragte Alfred und Magda erwiderte, dass er sich keine Sorgen machen sollte. Er wäre schließlich in besten Händen. Doktor Janssen schaute ihn wieder an.

„Keine Angst! Sie scheinen sich einen Virus eingefangen zu haben. Der ärgert Sie zwar ein wenig, aber das geht vorbei.”

Alfred nickte.

„Prima”, fuhr Doktor Janssen fort. „Ruhen Sie sich aus. Ich schreib etwas auf, das die Symptome lindert. Einen Moment mal.” Er tippte auf seinen zweiten Schirm.

„Ihre Apotheke schickt gleich eine Drohne mit den Sachen. Dauert eine Viertelstunde.”

Janssen blickte Alfred an.

„Sie benötigen sicher eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Hat sich der Arbeitgeber geändert?”

„Nein”, sprang Magda ein.

„Gut. Ihre Firma hat die AU übertragen bekommen. Krankenkasse hat sich auch nicht geändert?”

„Nein”, sagte Magda.

„Die haben die Daten jetzt auch. Also nun ab ins Bett. Sollte es wider Erwarten schlimmer werden, melden Sie oder Ihre KI sich bitte wieder bei mir.” Der Arzt winkte in die Kamera. „Gute Besserung!”

„Du hast gehört, was der Onkel Doktor gesagt hat”, begann Magda und wurde durch das Summen von Alfreds Smartphone unterbrochen.

„Die Drohne ist da”, sagte Magda. „Geh mal zur Tür. Das kann ich dir nicht abnehmen.” Sie machte eine kurze Pause. „Noch nicht.”

Alfred schleppte sich zum Eingang und öffnete die Tür. Die Drohne war wirklich dort gelandet. Er presste seinen verschwitzten Finger auf das Fingerprint-Pad und sein Päckchen wurde freigegeben.

„Ab ins Bett”, befahl Magda.

Alfred nahm die Medikamente und kroch wieder unter die Bettdecke. Er fühlte sich noch ausgelaugter und verfiel in einen unruhigen Schlaf. In seinen Fieberträumen saß er in einem stickigen Wartezimmer mit vielen anderen Kranken. Aber das war nur ein Albtraum…

Gegen Abend wachte er auf und schaffte es noch mit letzter Kraft ins Bad, wo er sich übergeben musste.

„Dir geht es nicht besser”, stellte Magda fest und setzte einen Notruf ab.

Zwölf Minuten später saß Alfred zitternd in eine Decke eingehüllt im Rettungswagen. Der Notfallsanitäter war ein junger Mann und hieß Frederik. Er blickte kurz auf sein Tablet.

„Ihnen geht es schon seit heute Morgen nicht gut”, stellte er fest.

Alfred nickte schwach.

„Welche Medikamente haben Sie genommen?”, fragte Frederik.

„Zwei Schmerztabletten”, meldete sich Magda über Alfreds Multifunktionsuhr zu Wort.

„Ich schicke Ihnen alle relevanten Daten zu. Alfred, bestätigst du bitte die Freigabe?”

„Ok. Ich habe die Daten. Wir fahren Sie ins Gesundheitszentrum und dort werden Sie weiterbehandelt”, sagte Frederik. „Ihre KI soll bitte Ihren Angehörigen Bescheid geben.”

„Ich gebe deiner Freundin Dora und deinen Eltern Bescheid, wo du bist und wie es dir geht”, versprach Magda.

„Sag ihnen, sie sollen sich keine Sorgen machen”, sagte Alfred. „Klar!”

Nur wenige Minuten später erreichten sie die Notfallaufnahme. Alfred und Frederik wurden schon erwartet und eine Krankenschwester begleitete sie in ein Untersuchungszimmer. Nach ein paar kurzen Sätzen verabschiedete sich Frederik mit den besten Genesungswünschen von seinem Patienten.

„Ich bin Tatjana”, stellte sich die Schwester vor.

„Herr Wagner. Die aktuellen Daten haben wir von Ihrer KI und aus dem Rettungswagen bekommen, ihre Krankenakte habe ich schon geöffnet.”

Inzwischen ging die Tür auf und ein Arzt betrat das Zimmer.

„Ich bin Doktor Zielitsch”, sagte er und blickte erst Alfred und dann das Display über dem Bett an.

„Sie haben die Symptome seit heute Morgen, sagt mir Ihre Akte. Keine besonderen Vorerkrankungen. Der Armbruch im Kindergarten und der Fahrradunfall vor vier Jahren interessieren uns heute nicht. Ihr allgemeiner Gesundheitsstatus ist gut bis sehr gut. Sie waren die letzten Wochen nicht in Gebieten mit erhöhter Infektionsgefahr. Den Magen haben Sie sich auch nicht verdorben.”

Er tippte auf den Touchscreen.

„Wir legen einen Zugang und benötigen etwas Blut, um noch weitere Untersuchungen machen zu können. Ich tippe auf einen kleinen Virusinfekt, aber sicher nichts Ernstes. In ein paar Minuten wissen wir aber mehr.

Tatjana kümmert sich um Sie. Ich bin im Nebenraum und bekomme Bescheid, sobald das Labor den Befund fertig hat. Dann bin ich wieder bei Ihnen. Bis gleich!”

Tatjana nahm Blut ab und schickte die Röhrchen mit der Rohrpost ab. Es klopfte an der Tür. Tatjana öffnete sie und Alfred sah, dass es Dora war. Nun ging es ihm schon viel besser.

„Der Rettungswagen mit dem Patienten ist da”, sagte Tatjana. „Männlich, mittleres Alter, wahrscheinlich ein Infekt.” Mit ein wenig zu viel Schwung knallte sie ein Klemmbrett auf den Tisch neben den diensthabenden Arzt.

Doktor Zielitsch schaute sie etwas entgeistert an, aber nur einen Moment und war schnell wieder im Hier und Jetzt. „Geht es ein wenig genauer?”, fragte der Arzt.

Tatjana schaute auf das Klemmbrett und antwortete: „Wir haben noch keine weiteren Daten. Ich suche aber schon mal einen freien Raum. Und: Drei weitere Patienten sitzen noch im Wartebereich. Keine Ahnung, was mit denen ist.”

Zwei Notfallsanitäter schoben den Patienten in die Notfallaufnahme.

Tatjana war inzwischen zurückgekommen und sagte: „Die Eins ist frei.” Sie wandte sich zum Patienten. „Wie heißen Sie und wo sind Sie versichert?”

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