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veröffentlicht am 19.11.2021

Prof. Dr. med. Sylvia Thun ist Universitätsprofessorin für Digitale Medizin und Interoperabilität am Berlin Institute of Health (BIH) der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Für die approbierte Ärztin und Ingenieurin für biomedizinische Technik liegt in der Interoperabilität der Schlüssel für die Weiterentwicklung von Health-IT. Darüber haben unser Lead Solution Leader und Cerner-Experte für Interoperabilität, Axel Biernat, und Frau Prof. Thun am Rande der deutschen Interoperabilitätstage 2021 gesprochen.

Axel Biernat: Sylvia, du kommst ursprünglich aus der Medizintechnik, warst in deiner ärztlichen Ausbildung in der Radiologie/Strahlentherapie der RWTH Aachen tätig, wo du damals u. a. den ersten IHE-Konnektor eingerichtet hast. Seit 2006 bist du im Vorstand der HL7-Benutzergruppe Deutschland. Das ist eine spannende Laufbahn, die sich stringent am Thema Interoperabilität orientiert. Woher kommt diese Begeisterung?

Sylvia Thun: Tatsächlich hat mich das Thema schon sehr früh gepackt. Über einen Beratungsauftrag für eine Ausschreibung zu interoperablen Systemen bin ich damals zum Kommunikationsstandard HL7® (Health Level Seven) gekommen. Ab da wusste ich: Das werde ich mein ganzes Berufsleben machen … müssen (lacht), denn dieses Thema beschäftigt uns schon eine Weile und damit werden wir uns auch künftig befassen müssen. Zudem ist es hoch komplex und ‒ nicht zuletzt ‒ hielt ich schon damals die Interoperabilität für immens wichtig, wenn es darum geht, Mehrwerte für alle Akteur:innen im Gesundheitswesen auf Grundlage einheitlicher Datenstandards zu schaffen. Was fasziniert dich am Thema Interoperabilität, Axel?

Axel Biernat: Meine Begeisterung für HL7 reicht bis in mein Studium zurück, als wir den HL7-Standard in Version 2 für Informationssysteme im Gesundheitswesen diskutiert haben. Heute ist HL7® FHIR® (Fast Healthcare Interoperability Resources) für mich ein Standard, der einen großen Schritt hin zu einer tatsächlich digitalen Gesundheitsversorgung von morgen bedeutet: Er ist einfach implementierbar, für mobile sowie cloud-basierte Anwendungen entwickelt und befähigt zur einrichtungs- und sektorenübergreifenden Datenkommunikation. Mit meinem Team bei Cerner arbeite ich daran, diesen Standard für unser KIS i.s.h.med nutzbar zu machen. Zurzeit fokussieren wir auf die Interoperabilitätslösung für i.s.h.med und ich muss sagen: HL7 FHIR rockt! Deshalb bringe ich mich auch aktiv bei HL7 International ein und vertrete Cerner bei IHE Deutschland sowie im Industrieverband bvitg. Wir sind beide ja sehr engagiert im Vorstand von HL7 Deutschland, Sylvia. Woran arbeitest du aktuell?

 

„Als Hersteller haben wir die Vereinfachung der klinischen Arbeitsabläufe im Blick.“Axel Biernat

 

Sylvia Thun: Derzeit gibt es fast keinen Bereich mehr, in dem das bih (Berlin Institute of Health @Charité) mit HL7 noch keine Projekte umgesetzt hat. Einerseits harmonisieren wir bestehende Daten, die aus KIS-Systemen, aber auch aus Medizinprodukten kommen ‒ z. B. aus Anästhesiegeräten. Oder wir begleiten Unternehmen direkt am Beginn ihrer Standardisierungsprojekte, indem wir ihnen die Daten direkt in einem HL7-Format aufbereiten. Darüber hinaus betreuen wir große Projekte in der Medizininformatik-Initiative, wo wir beispielsweise für verschiedene Use Cases wie den Pathologiebefundbericht Kerndatensätze erstellen. Nicht zuletzt geht es dabei immer darum, die Dokumentation für Ärzt:innen zu vereinfachen. Informationen über Patient:innen müssen schnell und strukturiert erfassbar sein und die wichtigsten Informationen aus seitenlangen Arztbriefen müssen schnell zusammengeführt werden können.

 

„Wir arbeiten am KIS der Zukunft. Damit ermöglichen wir unseren Kunden und Partnern den interoperablen und medizinproduktkonformen Zugriff auf i.s.h.med.“Axel Biernat

 

Axel Biernat: Genau das haben wir als Hersteller stets im Blick: eine Vereinfachung der Arbeitsabläufe im Krankenhaus für alle Nutzer:innen. Das passiert erst, wenn Systeme im Krankenhaus fähig sind, sich auf Datenebene miteinander zu verständigen. Dafür ist semantische Interoperabilität unverzichtbar, sie ist quasi die Königsdisziplin. Natürlich auch dann, wenn es um die Weitergabe von Daten über das gesamte Kontinuum der Versorgung hinweg geht. Darüber hinaus ist es sinnvoll, dass die erhobenen Daten weiterverwendet werden können, z. B. für die klinische Forschung oder für Studien.

Sylvia Thun: Richtig. Es geht eben nicht nur darum, dass digital dokumentiert und abgerechnet wird, sondern dass wir die Daten austauschbar machen zwischen den Systemen: einmal für die Weiternutzung in der Forschung, zum anderen zur Erhöhung der Patientensicherheit. Da geht es dann z. B. ganz konkret um die Art der Kommunikation zwischen einem intensivmedizinischen System und dem KIS auf Station. Um solide forschen oder KI-Anwendungen nutzen zu können, braucht es zudem viele Daten, die qualitativ hochwertig sind. Das funktioniert nicht mit Freitext und schon gar nicht mit unvollständigen Daten. Eine kluge Nutzung der Daten und deren Austausch bedeutet die Weiterentwicklung der Medizin zum Wohle der Patient:innen ‒ und des medizinischen Personals, das dadurch enorme Entlastung erfährt. Für all diese Entwicklungen ist Standardisierung eine wesentliche Voraussetzung. Was ist deine Erfahrung mit Standardisierung in Deutschland, Axel, an welchem Punkt stehen wir hier deiner Meinung nach?

Axel Biernat: Derzeit haben wir in Deutschland ein Modell zur Standardisierung, das auf verteilten Verantwortlichkeiten basiert. Schlüsselrollen spielen dabei die gematik, die KBV mit der Entwicklung der sogenannten Medizinischen Informationsobjekte (MIOs) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stakeholder aus Selbstverwaltung, Fachgesellschaften, Wissenschaft, Standardisierung und Industrie werden in dieses Modell eingebunden. Cerner als etablierter Health-IT-Hersteller mit weltweiter KIS-Expertise und zahlreichen Entwicklungspartnerschaften treibt das Thema Interoperabilität über Standardisierung aktiv voran. Die Einführung der elektronischen Patientenakte, Zugänge für digitale Gesundheitsanwendungen, Stichwort „Apps per Rezept“, und das Voranbringen der Telemedizin haben zuletzt in Deutschland für den längst überfälligen Entwicklungsschub gesorgt. Wie erlebst du das Thema Standardisierung in deiner täglichen Arbeit, Sylvia?

Sylvia Thun: Es gibt viele Bereiche, gerade bei Geräten, wo es heute etablierte, langjährige Standards gibt. Das ist einleuchtend, denn Geräte brauchen Standards, sonst können sie nicht arbeiten. In Bereichen, wo Menschen arbeiten, existieren hingegen kaum Standards im Bereich IT. Eine koordinierende Instanz für Deutschland ist hier dringend nötig und soll laut Gesetzgeber ja nun auch eingerichtet werden ‒ mit einem nationalen Koordinator für IT und Interoperabilität inkl. zusätzlich beigeordneten Expert:innen. Sitz wird bei der gematik sein. Apropos: Endlich arbeitet auch die gematik mit internationalen Standards. Es kommt uns sehr entgegen, dass der Gesetzgeber hier die Notwendigkeit einer umfassenden Vereinheitlichung erkannt hat. Aber noch sind diese Entwicklungen nicht implementiert, getestet, evaluiert. Nicht umsonst sind wir in Deutschland in diesem Bereich Schlusslicht bei internationalen Rankings.

Axel Biernat: Zuletzt hat der German Corona Consensus (GECCO) dann aber doch gezeigt, dass alle können, wenn sie wollen. GECCO ist ein standardisierter Datensatz, der innerhalb kurzer Zeit entwickelt wurde, um einheitlich Studiendaten für die COVID-19-Forschung zu erheben. Du warst wesentlich an diesem Projekt beteiligt. Was kannst du dazu erzählen?

Sylvia Thun: Mit dem GECCO-Datensatz haben wir in der Pandemie gezeigt, wie blitzschnell wir Forscher:innen zusammenbringen können, um einen solchen Datensatz zu erstellen. Gleiches gilt für die cocos-Initiative des health innovation hub (hih). Das alles zeigt: Wenn wir zusammen an einem Strang ziehen, unsere Expertise in das gemeinsame Vorhaben fließen lassen und wenn zusätzlich die Rahmenbedingungen stimmen, dann kommen wir in der Sache gut voran.

Axel Biernat: Viele Krankenhäuser haben sich bereits auf den Weg gemacht und treiben ihre Digitalisierung strukturiert voran. Dennoch: Sind alle ausreichend auf das Thema Interoperabilität vorbereitet?

 

„HL7 FHIR ist ein Standard mit sehr viel Potenzial.“Sylvia Thun

 

Sylvia Thun: Krankenhäuser kennen die Herausforderungen der Interoperabilität zur Genüge. Wenn man aber mehr will als nur ICDs, OPS und Personendaten hin und her zu schieben, dann muss man deutlich tiefer in die fachlichen Inhalte einsteigen. Das ist der Schritt, der jetzt ansteht und er kann nur durch Interoperabilität auf allen Ebenen gelöst werden ‒ organisatorisch, strukturell, syntaktisch und semantisch. Deckt sich das mit deinen Erfahrungen, Axel?

Axel Biernat: Ja, absolut. Und den nächsten Schritt haben wir ja jetzt konkret vor uns, verankert auch durch den Gesetzgeber: Es geht nicht mehr um die Bereitstellung von Dokumenten, sondern um die Bereitstellung von Daten für deren Austausch. Deshalb fördert das KHZG offene Standards wie FHIR ‒ und Ontologien wie SNOMED, die fähig sind, medizinische Informationen semantisch korrekt darzustellen. Was bedeutet das für deine Arbeit?

Sylvia Thun: Für uns bedeutet das: Parallel zur Version 2 von HL7 bauen wir unsere Erfahrungen mit FHIR aus, weil das ein Standard mit sehr viel Potenzial ist. Wie bei allen neuen Entwicklungen gilt es hier erst einmal, Expertise aufzubauen. Dazu braucht es Anwender:innen, die vor Ort neue Systeme, Kommunikationsserver, aber auch Terminologieserver nutzen, administrieren und im Routinebetrieb auf Herz und Nieren testen. Das führt mich zu meiner nächsten Frage an dich, Axel: Viele Krankenhäuser setzen auf das Cerner-KIS i.s.h.med, das weltweit in Kliniken unterschiedlicher Größe im Einsatz ist. Wie setzt ihr das Thema Interoperabilität um?

Axel Biernat: Für i.s.h.med planen wir eine ergänzende Lösung, die im ersten Quartal 2022 verfügbar sein wird. Diese Lösung wird auch Komplementärstandards wie ,smart on FHIRʻ unterstützen. Um die Integration in die IT-Landschaft eines Krankenhauses zu erleichtern, werden wir u. a. IHE-Profile sowie relevante FHIR Implementation Guides wie ISiK in Deutschland implementieren. Die semantische Interoperabilität wird durch einen integrierten Terminologieserver unterstützt. Im nächsten Blogbeitrag zum Thema Interoperabilität erfahren unsere Kunden mehr dazu.

Liebe Sylvia, vielen Dank für das Gespräch – ich freue mich auf deine Keynote bei unseren i.s.h.med Anwendertagen am 23. November.

Vielen Dank, Axel, für die Einladung zu unserem Expertengespräch.

Blog 1 der Serie: Was Interoperabilität leisten muss, damit aus kommunizieren verstehen wird

Text: Katharina Zeutschner, textwerker24
Foto: ©AdobeStock